Wiesn-Tagebuch

Täglich exklusiv im Münchner Merkur: Das Wiesn-Tagebuch von Stephan Kuffler

2016

01.10.2016 Samstag
Christoph Preysing ist im echten Leben der Fischer vom Tegernsee, aber hier in Kufflers Weinzelt betreibt er die Mai Liabba Bar im Garten. Gestern hat ein Gast eine Flasche Fremd-Champagner mitgebracht. Es war eh nicht mehr viel drin, der Christoph wollte den Rest schnell einschenken und dann weg damit. Da ging aber was los. Der Herr flippte ohne Anlauf völlig aus und begann, wild wie der Fuchsteufel um sich zu schlagen. Dabei traf er den Christoph mit einem ordentlichen Rums genau auf dessen Jochbein. Vier Ordner hatten ihre liebe Not und bekamen mehr als ein paar Hiebe ab. Als Christoph dann mit geschwollener Backe im Büro auftauchte, fand Eva gleich etwas passendes zur Kühlung. Einen Becher mit Algen, die seit dem ersten Tag im Kühlschrank standen. Irgendwie passend für den Fischer vom Tegernsee.

30.09.2016 Freitag
Heute war ich seit langem mal wieder um 9 Uhr früh der erste Serviceleiter im Weinzelt. An und für sich gibt es größere Herausforderungen, aber heute war der Teufel los. Als erstes habe ich schon vom Esperantoplatz aus einen halben Löschzug der Berufsfeuerwehr auf Höhe meines Zeltes gesehen. Beim Näherkommen wurde ich immer schneller und erkannte, dass die Brandbekämpfer direkt vor unserer Tür standen. Ich rannte, meine Pumpe rannte und das Ganze war sicherlich nicht gut für meinen Bluthochdruck. Auf Nachfrage hieß es lapidar, es sei nur eine Routinebesichtigung gewesen, damit man sich im Ernstfall auskenne. Als nächstes kam es zu einem Komplettstillstand aller Computerkassen, der uns bis kurz vor 12 beschäftigte und zur Verzweiflung trieb. Hoffentlich sind wir für den Rest des Tages pannenmäßig aus dem Schneider.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

29.09.2016 Donnerstag
In einem Festzelt sind ziemlich alle Berufssparten vorhanden, die zur Gründung einer Enklave notwendig wären. Als besonders nützlich erweisen sich stets Vertreter der Bereiche Gesundheitswesen, Jurisprudenz und Handwerk. Consulting und Kreditwesen hatten bislang weitestgehend keinen nachweisbaren Nutzen. Im Laufe all der Jahre sind natürlich auch viele Freundschaften entstanden. Robert beispielsweise hat sich 1992 mit einem – zumindest den gastronomischen Teil seiner Vita betreffend – sehr phantasievollen Lebenslauf eingeschmuggelt. Und in seinem ersten, völlig verregneten Jahr als Gartenkellner hat er mutmaßlich mehr Weißbier konsumiert als verkauft. Heute ist er anwaltlich für uns tätig, kellnert immer noch im Weinzelt und gehört längst zu meinem engen Freundeskreis.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

28.09.2016 Mittwoch
Auch in anderen Zelten passieren lustige Sachen. Katharina Inselkammer vom Ambrustschützenzelt betätigte sich gestern bei einer Dame als Schneiderin - gar nicht so einfach, ohne Zwirn und Nadel. Entlang der gesamten rechten Seite war das Gewand komplett aufgerissen. Da griff Kathi beherzt zum Tacker. Nur im Bereich der Oberweite half alles ziehen und drücken nichts. Die Kluft war viel zu groß. Also musste das silberne, extrastarke Panzertape herhalten: ein Streifen um die Hüfte zum Fixieren, zwei an der Seite und ein besonders langer knapp unterhalb des Dekolletés. Eine Mitarbeiterin sah das Werk nur von hinten und befand, ihre Chefin habe das wunderbar hinbekommen. Da ging die Dame glücklich von dannen. Nur wie sie aus dem Dirndl jemals wieder rauskam, bleibt ein Geheimnis.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

27.09.2016 Dienstag
Auf dem Oktoberfest werden täglich Tonnen von Fundsachen im Fundbüro auf dem Behördenhof abgeliefert. Zu meinen persönlichen Spitzenreitern aus der offiziellen Statistik der Stadt zählen Gebisse, Krücken und vor allem Rollstühle. Da kann man sehen, über welch wunderbare Heilkraft das Münchner Festbier verfügt. Aber diese Fundsache an der „Mai liabba Wiesn Bar" im Weinzelt war uns neu. Wenn alle Gäste das Zelt verlassen haben und alle Tische abgeräumt und feucht gewischt sind, werden sie hochgestellt, damit der Boden gefegt werden kann. Und da hat Christoph um zwei Uhr morgens eine schlafende Gestalt unter einem Tisch gefunden, zusammen gerollt wie ein Dackel. In dem Fall haben wir uns dagegen entschieden, die Fundsache im Behördenhof abzugeben.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

26.09.2016 Montag
Die Chrissi gehört zu den besseren Bedienungen im Weinzelt, um nicht zu sagen zu den richtig guten. Einmal wurde sogar ein Liebesbrief für sie mit Einladung zu einem Blind Date für sie im Büro abgegeben.
Eigentlich hatten wir auch den Eindruck, sie sei recht clever. Bis gestern. Da haben mein Bruder Sebastian und ich erfahren, dass Chrissi uns seit vier Jahren verwechselt hat – also namentlich. Sie haben nämlich ungefähr in diesem Sinne miteinander geredet: „Der Sebastian hat auch gesagt (...)" Darauf mein Bruder: „Der Stephan." Chrissi: „Ja, Stephan, aber der Sebastian meinte (...)." Das ging eine ganze Zeit lang so hin und her, bis sie begriffen, wo das Problem lag. Nämlich darin, dass eine Bedienung vier Jahre in einem Zelt arbeiten kann, ohne die Namen ihrer Chefs zu kennen.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

24.09.2016 Samstag
Einer unserer führenden Mitarbeiter hat regelmäßig die Aufgabe, zwecks Kontaktpflege mit unseren Geschäftspartnern zur Mittagswiesn ins Weinzelt zu kommen. Ihm eilt der Ruf voraus, gelinde gesagt kein Kostverächter zu sein. Um ihn ein wenig zu frotzeln, hat Küchenchef Freddy ihm letztens als Magentratzerl eine Weißwurst frittiert und alle Köche haben sich über diesen kleinen Streich gefreut wie die Schnitzel. Wider Erwarten kam die Bedienung jedoch zurück und meinte, diese außergewöhnliche Spezialität habe derart hervorragend gemundet, dass man sie jetzt als Hauptspeise wolle. Die Köche staunten mit offenem Mund. Küchenchef Freddy war außer sich, dass sein kleiner Streich derart nach hinten losgegangen ist und er nun ernsthaft gezwungen war, Weißwürste zu frittieren.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

23.09.2016 Freitag
Eine wahre Oktoberfestregel sagt: „Am Donnerstag fängt die Wiesn an." Schon wuselt alles und lacht und die kleinen und großen Geschichten nehmen ihren Lauf. Zum Beispiel am Mandelstand von Willy Vogel, wo ein Österreicher die Nüsse schon halb aufgegessen hatte, bevor er merkte, dass er keinen Pfennig Geld dabeihatte. So schnell konnte niemand reagieren, wie er seine nette Begleitung als Pfand zurückließ. Er komme gleich wieder. Darauf gab es nur eine berechtigte Frage:" Das bayerische ‚gleich' oder sofort?" Nun, es war die bayerische Version von ‚gleich' und die Dame leuchtete ihm ordentlich auf österreichisch heim, als er endlich zurückkam. Dem Willy war es gleich, weil man als alter Hase auf der Wiesn für ein lustiges Geschichterl gerne auf den Erlös aus ein paar Mandeln verzichtet.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

22.09.2016 Donnerstag
Es war eine liebe Zeit, die gute alte Zeit, als es noch Fremdenverkehrsamt hieß und der Amtsleiter vom Wiesnbüro ein bisserl mächtig war und ein bisserl leger. Heini Meister hat er geheißen und heute war er zu Gast im Weinzelt. Besonders lustig war es damals, als er für ein Jubiläum bei der Polizei im alten Behördenhof Bier von den Brauereien erbettelt hatte. Leider verbot Herr Staatsinnensekretär, Dr. Gauweiler, in diesem Jahr Alkohol für die Wiesnbehörden. Also wurde das schöne Münchner Hell in Alkoholfrei getauscht, was dann aber auch verboten wurde. Weil es dem Heini Meister so peinlich war, hat er das dann nicht mehr zurückgegeben, sondern in ein Außenlager verschickt. Als es bei einer üblichen Revision entdeckt wurde, stand sofort der Verdacht der Bestechlichkeit im Raum. Aber Amtschef Meister konnte glaubhaft versichern, dass ein bayerischer Beamter mit alkoholfreiem Bier niemals nicht zu bestechen sei.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

21.09.2016 Mittwoch
Auf meinem Weg über die Wiesn fiel mir ein Angebot ins Auge, das mich ins Grübeln brachte, nämlich einen Weißwurstleberkas. Gut, die beiden Produkte sind in vielerlei Hinsicht verwandt. Man könnte sogar fast sagen, sie seien wie Brüderchen und Schwesterchen, aber wäre das nicht ein Grund mehr, diese beiden Urgesteine der bayrischen Küche vor dem Inzest zu bewahren? Dazu passt dann ein frisch gezapftes Pilsweißbier. Und was sagt eigentlich die Gleichstellungsbeauftragte dazu? Müsste es im Sinne der Gleichbehandlung konsequenterweise nicht auch eine Leberkasweißwurst geben? Die wäre dann aber rot und nicht mehr weiß, was natürlich völlig zu Recht den Verbraucherschutz auf den Plan rufen würde. Dann bliebe es also doch beim Weißwurstleberkas mit Weißbierpils und ungelaugter Brezn.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

20.09.2016 Dienstag
Nach all den Diskussionen im Vorfeld finde ich, es ist einmal an der Zeit, sich bei den Polizisten der verschiedenen Einheiten zu bedanken, die rund um die Uhr für die Wiesn tätig sind. In strömendem Regen wird hier mit stoischer Ruhe auf der Straße und mit äußerster Weitsicht hinter den Kulissen gearbeitet, um den Wiesngästen einen sorgenfreien Besuch zu ermöglichen. Aus diesem Grund war ich heute in meiner Funktion als Vorstandsmitglied des Münchener Sicherheitsforums mit meinen Kollegen Elisabeth Schosser, Polizeivizepräsident Werner Feiler und Helmut Spörl auf der Wiesnwache. Wir überreichten Inspektionsleiter Christian Wittstadt einen kleinen Beitrag als Anerkennung für die tolle Arbeit seiner Mannschaft. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an alle, die uns eine sorglose Wiesn ermöglichen.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

19.09.2016 Montag
Das erste Wochenende ist leider schon wieder vorbei. Bis auf das Wetter war es herrlich, denn es war alles geboten, was ich an der Wiesn so liebe: Spannung, interessante Menschen, was Anrührendes für Herz, viel Wiedersehensfreude und viel zum Lachen. Erheiternd sind häufig die neuen Mitarbeiter, wie zum Beispiel unser Konsti, der bereits mittags um 12.15 Uhr strahlend meinte: „Es ist echt anstrengend, ich bin überrascht." Erfreulich war der Besuch von Günther Jauch, der seit 25 Jahren erstmals wieder auf der Wiesn war. Seinen köstlichen Riesling gibt es bei uns im Weinzelt. Unsere bewährten Bürodamen andererseits, waren ziemlich verdutzt, als eine Dame hereinstürmte und mit allergrößtem Nachdruck wissen wollte, ob einer unserer Gäste Japaner sei. Für den habe sie nämlich ein wichtiges Geschenk.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

17.09.2016 Samstag
Der liebe Schorsch Dingler hat mir eine tolle Musikbox für mein Fahrrad geschenkt. Als ich nach unserem Richtfest vom Festgelände auf den Radlweg einbog, kam mein Lieblingslied, was mich richtig in Schwung brachte, jedoch durch die Kontrolle einer Funkstreife abrupt gestoppt wurde. „Wir wollen die Verkehrstauglichkeit und die Eigentumsverhältnisse des Fahrzeugs sowie die Fahrtüchtigkeit des Fahrers prüfen." Mit den Punkten eins und drei könne ich schon dienen, aber die Rechnung vom Radl hätte ich gerade nicht dabei. Sie waren recht schnell überzeugt, keinen volltrunkenen Radldieb geschnappt zu haben. Nur rätselten sie, warum ich solche Schlangenlinien gefahren sei. Ich hatte keine Ahnung, aber der Beamte war schlauer als ich: „Kann es sein, dass Sie im Takt zur Musik gefahren sind?"
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

16.09.2016 Freitag
Nun gibt es noch einen kleinen Nachtrag zu unserem Richtfest. Dort wurde aufgrund eines schon sehr wiesnmäßigen Kommunikationsfehlers ein Tisch auf den klangvollen Namen ‚Gurkentruppe' reserviert, wobei ich noch nicht einmal genau weiß, was das sein soll. Sicherlich wären weder Chefärzte noch österreichische Barone und schon gar keine Geschäftsführer von städtischen Gesellschaften freiwillig Mitglieder einer solchen Truppe. Jedenfalls staunten die Herrschaften nicht schlecht und es wurde die Frage aufgeworfen, ob die Bezeichnung etwas mit dem Fachbereich des Chefurologen zu tun haben könne, welcher der ‚Gurkentruppe' zugeteilt war.
Die Wahrheit ist, dass ich vor einigen Wochen zu meiner Assistentin sagte: „Wir müssen zum Richtfest noch eine Truppe einladen, mit der ich 1984 durch Griechenland gegurkt bin." Das war dann wohl das Stichwort gewesen. Jedoch konnte im Jahr 1984 erstens niemand ahnen, was aus uns allen mal werden würde und zweitens hätten wir uns noch weniger träumen lassen, 30 Jahre später eine Zusammenkunft unter der Firmierung ‚Gurkentruppe' abzuhalten.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

15.09.2016 Donnerstag
Heute Abend ist unser Hebauf, eine kleine Feier in engem Kreis zum Dank an die Handwerker für die geleistete Arbeit. Als das Weinzelt erstmals 1984 aufgebaut und als es 2005 neu errichtet wurde, hat man natürlich opulenter gefeiert, aber in normalen Jahren ist diese Feier kein großer Aufreger. Immerhin ist es eine gute Gelegenheit, weite Teile der Einrichtungen des Zeltes schon einmal zu testen. Morgen werde ich in der Lage sein zu beurteilen, ob wirklich alles auch so läuft wie es soll.
Besondere Gäste der Hebefeier sind Förderer und Mäzene des Münchener Kammerorchesters. Eine tolle Gelegenheit für Orchestervorstand und Musiker, sich für die geleistete Unterstützung zu bedanken. Die Högl Fun Band wird jedenfalls Klassikliebhabern und Handwerkern gleichermaßen einheizen.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

14.09.2016 Mittwoch
Spannung und Vorfreude steigen jeden Tag, aber der schlimmste Wiesnstart aller Zeiten war vor ungefähr 30 Jahren, als die Kühlzelle der Hauptschänke zusammenbrach und die halbautomatische Schankanlage erschlug. Wir entdeckten den Schlamassel erst in der Früh vor dem offiziellen Anstich. Glasweiser Ausschank war nicht mehr möglich und die Weinflaschen wurden nach dem Lotterieverfahren serviert. Wir wühlten in dem Scheiterhaufen aus Sperrholz, Kühldämmung und Kunststoffwänden nach allem, was man zu fassen bekam und was sich nach Flasche anfühlte. Genau so wurde auch serviert: „Hurra, Sie haben einen Pouilly Fumé zum Preis eines Veltliners gewonnen." Die Gäste staunten nicht schlecht und manche freuten sich mehr, manche weniger. Um derartige Erlebnisse zu vermeiden, haben wir unseren Organisationsgrad in den vergangenen 3 Jahrzehnten extrem angehoben - aber wer weiß? Ich werde berichten.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

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