Wiesn-Tagebuch

Täglich exklusiv im Münchner Merkur: Das Wiesn-Tagebuch von Stephan Kuffler

2011

30.09. Freitag
Letzten Sonntag standen wir beim Platzkonzert unter der Bavaria. Die Käfer Schänke und das Weinzelt waren die beiden letzten, die mit ihren Kapellen auf den Auszug warteten. Michi Käfer meinte zu mir, wir sollten Stein-Schere-Blatt spielen. Der Gewinner dürfe zuerst losgehen. Was er nicht wusste: Ich gewinne immer bei diesem Spiel, außer gegen Kinder.
Das ist schon wieder eine Woche her und jetzt ist die Wiesn 2011 fast vorbei. Deshalb möchte ich mich jetzt bei all den netten Gästen und Lesern bedanken, die meine Kolumne verfolgt und mit vielen freundlichen Worten bedacht haben. Man erlebt halt so einiges in der Fünften Jahreszeit und dank des Münchener Merkur durfte ich das mit Ihnen teilen. Es bereitet mir jedes Jahr mehr Freude. Aber es gibt trotzdem einige, die sich nicht vorstellen können, dass ein Wiesnwirt die Zeit findet, das alles selbst zu erleben und zu schreiben. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf: Alles, was Sie die letzten 14 Tage gelesen haben, ist so geschehen und wurde von mir persönlich aufgeschrieben. Geben Sie Dr. Ippen, seinen tollen Mitarbeitern und mir die Ehre, wenn es nächstes Jahr hoffentlich wieder heißt: Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

29.09. Donnerstag
Meine Mutter ist im Weinzelt so etwas wie die Mutter der Kompanie. Da jedoch niemand perfekt ist, hat sie sich gestern einen faux pas der lustigeren Sorte geleistet. Sie kam recht frühzeitig ins Zelt, da sie einige Freundinnen eingeladen hatte. Im Büro sah sie einen wunderschönen, großen Blumenstrauß. Derlei Aufmerksamkeiten erhält sie häufig von unseren Gästen und Freunden. Kurz entschlossen nahm sie den Strauss und eilte zur Hausbox zurück, die perfekte Dekoration für ihre Dameneinladung in Händen. Ihre Schwester Hedi holte gleich darauf noch zwei Scheren im Büro und gemeinsam schnitten sie den Strauß kurz und klein. Als nette Arrangements auf den Tischen verteilt, war die Tischdeko perfekt. Nur die Bürodamen staunten nicht schlecht. Die Blumen waren nicht für die Wiesnwirtin bestimmt gewesen. Vielmehr hatten die Mädels sie als Geschenk für ihre tolle Arbeit von einem Stammgast bekommen! Als meine Mutter dies erfuhr, gelobte sie nach der Wiesn Wiedergutmachung.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

28.09. Mittwoch
Heute haben mich einige Kollegen und Kolleginnen besucht. Als dann Teufelsgeiger David Garrett in die Hausbox kam, ging es wie eine Welle durch die anwesenden Damen. Blauäugig wie ich bin, hatte ich keine Ahnung, welche Wirkung er auf Frauen hat. Wir reden von gestandenen Frauen, die in ihren Zelten den Umgang mit allerhand Promis gewöhnt sind. Gerade, dass sie nicht gekreischt haben. Aber auch das habe ich erst später mitbekommen, weil ich mich kurz zu David Garrett an den Tisch setzte. Er sei zum ersten Mal auf dem Oktoberfest und finde es besonders schön bei uns. Ich empfahl ihm jedoch dringend, auch ein echtes Bierzelt, wie zum Beispiel den Schottenhamel als ältestes Traditionszelt auf der Wiesn, zu besuchen. Da er allerdings nur wenig Zeit hatte, verwies ich auf unseren direkten Nachbarn, die Löwenbräufesthalle. Als er ging, fragte ich, ob ihn Steffi Spendler, Wirtin des Löwen, begleiten solle um ihm ihr Zelt zu zeigen. Immerhin war sie zufällig gerade bei uns. Steffi war glückselig, die anderen Damen nicht. Jetzt habe ich eine Freundin beglückt, andere, so fürchte ich jedoch, ziemlich versäuert.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

27.09. Dienstag
Gestern bekamen wir 50 Euro per Post zugeschickt. Thomas E. hatte uns zuvor eine E-Mail geschrieben, in der er gestand, anderen Gästen eine halbe Flasche Prosecco weggetrunken zu haben. Sein Kumpel und er seien angetrunken gewesen, was aber nichts entschuldigen solle. Als ein Kellner ihm sagte, er müsse die Flasche entweder zahlen oder gehen, ging er. Am nächsten Morgen wurmte ihn seine Tat derart, dass er das ganze Verbrechen vollumfänglich beichtete und anbot, 80 Prozent des Flaschenpreises zu zahlen. Da man so einen ehrlichen Gauner nicht alle Tage trifft, vergaben wir ihm großzügig und verzichteten auf das Geld. Wir schrieben ihm nur, er möge bitte künftig seine Speisen und Getränke beim Service bestellen. Das wollte der aufrechte Allgäuer dann doch nicht auf sich sitzen lassen. Er schrieb zurück, dass diese Reaktion seinen guten Eindruck von der Familie Kuffler noch weiter bestärke, und jetzt schicke er den vollen Betrag und noch mehr per Post. Lieber Thomas E., vielen Dank, die Post ist angekommen.
Wir werden die 50 Euro dem Kinderhospiz der Malteser in München spenden. »
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.'

26.09. Montag
Eigentlich wollte ich heute von etwas ganz anderem berichten. Doch gerade als ich mich an den Computer setzte, meldete ein Kellner, er habe als gestohlen gemeldete Gutscheine im Wert von 70 Euro von einem Gast bekommen. Ich ging nach vorne ins Büro und fragte den Mann, wo er sie her habe. „Um 40 Euro vor dem Weinzelt auf der Straße gekauft", bekam ich zur Antwort. Der Preis machte mich stutzig. Also fragte ich ihn nach seinem Personalausweis, aber auf der Wiesn führe er solche Dokumente nicht mit sich. Nach 27 Jahren auf dem Oktoberfest hat man ein gewisses Bauchgefühl entwickelt. Also gab ich zurück, er solle mir Name und Geburtsdatum nennen, die Wiesnwache könne seine Identität rasch klären. Da gab er Fersengeld. Allerdings hat er nicht mit der Geschwindigkeit eines alternden Jungwirtes gerechnet. Flugs hinterher, rief ich einem Wachmann zu, er solle den Mann festhalten. Eine Gruppe Polizeibeamter war rasch zur Stelle. Unserer Korrespondenz war zu entnehmen, dass die Nummern der Gutscheine gesperrt waren, da sie auf dem Postweg verloren gegangen waren. Und man mag es nicht glauben: Zufälligerweise gab der Mann an, er arbeite bei der Post.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

24.09. Samstag
Meine Freundin Vroni hat einen Engländer geheiratet. Das ist an sich ebenso wenig spektakulär wie die Tatsache, dass der Gute gerade seinen Fünfzigsten hatte. Allerdings sollte es aus diesem Grund eine Überraschungsparty geben. Sie sagte ihm nur, er solle sich auf eine Flugreise einstellen.
Nun ist es so, dass beide sich zuhause einen Computer teilen und Brent liest gerne auch mal "versehentlich" ihre E-Mails. Also legte sich Vroni lauter gefälschte Benutzerkonten zu und schickte sich selbst Nachrichten. Zum Beispiel von einer Kanadischen Flugschule, die bestätigte, dass ihr Mann den Wasserflugschein machen könne. Außerdem schickte sie sich Buchungsbestätigungen von Hotels in Kanada. Brent, der offiziell von gar nichts wusste, packte heimlich seine Pilotenkopfhörer und weitere aeronautische Utensilien ein. Nachdem die beiden mindestens zweimal jährlich in München sind, war ich in Bezug auf Brents Reaktion äußerst skeptisch.
Als dann im Flughafen Stansted nach und nach die geladenen Freunde eintrudelten, kam ihm nach dem dritten "Du auch hier, so ein Zufall" langsam, dass etwas nicht stimmen könne. Zum guten Schluss fand ich einen über beide Ohren strahlenden Brent im Weinzelt vor, der meinte, er liebe dieses Kanada hier.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

23.09. Freitag
Nachdem kein Mensch alleine eine ganze Festhalle betreiben kann, habe ich einige ausgezeichnete Menschen, die mich unterstützen. Zwei davon sind mein Bruder Sebastian und unser Küchenchef Freddy Gutierrez. Spät am Abend fragte mich Freddy, ob er noch einen guten Rotwein mit nach Hause nehmen dürfe. Bevor ich ja sagen konnte, meinte mein Bruder ganz eifrig, er wisse da einen ganz besonders Guten. Er begann wie ein Wilder das Rotweinregal zu durchforsten. Basti hat natürlich eine gewisse Ahnung von Wein, aber noch niemals hat er so viel getrunken, dass er nicht noch besten Gewissens Autofahren konnte. Seine Leidenschaften liegen definitiv nicht im Alkohol. Deshalb wunderten Freddy und ich uns ziemlich über den neuen Sommelier. Endlich fand er auch, was er gesucht hatte und präsentierte stolz: „Das ist wirklich ein besonders guter Wein, aber die Gäste wollten ihn dann doch nicht. Deshalb haben wir ihn wieder verkorkt. Verkaufen können wir den natürlich nicht mehr. Hier bitte, Freddy." Freddy und ich schauten uns verblüfft an und konnten nur noch lachen.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

22.09. Donnerstag
Weil mir die Faxen nicht ausgehen, musste ich heute in höherem Auftrag ein Foto in der Ruhmeshalle unter der Bavaria machen. Das war allerdings alles andere als einfach. Ich bat Max, unseren Schankchef, mir beim Tragen der Fotoutensilien zu helfen und wir marschierten los. Oben angekommen, standen wir vor verrammelten Zugängen. Klar, dass zur Wiesn eine besondere Gefahr durch Vandalismus besteht. Also erklärte ich einem freundlichen Wachmann, ich sei der Wirt vom Weinzelt und habe den Auftrag, in der Ruhmeshalle ein Foto zu schießen. Gemeinsam überlegten wir, wer das wohl genehmigen könne - Hausherr ist die Schlösser- und Seenverwaltung. Der Wachmann fand zusehends Gefallen an der Idee, unser Problem zu lösen. Also bat er den Herren am Schalter zur Bavaria, dass er bei der Verwaltung anrufe. Unglaublicherweise wurde uns die Genehmigung erteilt, aber nur unter Aufsicht des Sicherheitsmannes.
Nach erfolgreicher Aktion fragte ich ihn, ob er mich kenne oder warum er meine wirre Geschichte geglaubt hatte. Er antwortete, mir alleine hätte er nicht glaubt, wenn mein Kompagnon nicht dabei gewesen wäre. Max trug unsere Schankkellneruniform nebst Weinzelt-Namensschild.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

21.09. Mittwoch
Der lustigen Stimmung auf der Wiesn kann sich keiner entziehen - auch nicht der Wirt und dann wird er manchmal zum Schelm. Manfred von der „Blechblos'n" kam als Lady Gaga verkleidet auf die WCs zugelaufen. Ich winkte und bedeutete ihm, er steuere das falsche Häusl an. Er war offensichtlich in Eile und was der Chef will, wird gemacht. So verschwand er bei den Damen. Trotz seiner guten Verkleidung kam er natürlich nicht an unserem Wächter der guten Sitten und Aborte vorbei. Also ging er fünf Sekunden später lachend durch den richtigen Eingang zu den Herren.
Später funkte mich mein Freund und Mitarbeiter Schorsch an. Er sei mit Angie auf dem Raucherbalkon. Ich verstehe bei diesen Funkgeräten immer nur die Hälfte. Also fragte ich nach, wer Angie sei. Als Antwort verstand ich, die bärtige Angie halt und wir seien befreundet. Da ich keine Freundschaften mit bärtigen Damen pflege, ignorierte ich das ganze. Später traf ich meinen guten Freund Antonio, mit Spitznamen Anti genannt. Er hat einen prachtvollen Bart, und nun war mir klar, mit wem Schorsch tatsächlich geraucht hatte.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

20.09. Dienstag
Deutschland und Österreich - zwei Nationen entzweit durch die selbe Sprache! Endlich stand ich mal wieder in Bauer's Ofenkartoffelstand vorm Weinzelt. Oberbauer Erich ist Österreicher, sofern das Burgenland zu Österreich gehört. Eine Landsfrau von ihm kam an den Stand und fragte mich, was eine Apfelschorle sei. Ich schaute Erich an und er übersetzte auf Alpenhochdeutsch: "OBI g'spritzt." Sie wollte aber lieber etwas mit Alkohol und fragte, was ein Wein mit Schorle sei. Erich meinte lapidar, das gleiche, nur mit Wein. Das gebe es aber nur im Garten, nicht im Straßenverkauf. Ganz weltläufig empfahl ich ihr darauf hin, einen gespritzten Federweißen. Jetzt schaute sie mich ganz groß an und fragte einmal mehr, worum es sich hierbei nun wieder handle. Erich übersetzte erneut: "Sturm g'spritzt." Das wollte sie aber auch nicht.
Was lernen wir daraus? Die besten Fremdsprachenkenntnisse helfen gar nichts, wenn ein Gast nicht willig ist.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

19.09. Montag
Irgendwann schreibe ich vielleicht doch mal ein Buch. Darin werden dann Leute wie die dezent angetrunkene Dame von gestern Abend vorkommen. Diese schrie mich unentwegt an, sie wolle jetzt sofort Herrn Kuffler sprechen. Trotz guten Zuredens war nicht herauszufinden, was sie von mir wollte. Sie hat aber auch nie herausgefunden, dass sie gerade eben jenen Herrn Kuffler angeschrien hatte. Dann war da der junge Mann, der geschlagene zwei Stunden vor der verschlossenen Tür im verregneten Garten stand. Das Fenster war mit einem Vorhang verhängt, aber er nahm die unglaublichsten Posen ein. Mal wollte er wohl nachdenklich und seriös, mal besonders cool und dann wieder spaßig wirken. Ich fragte ihn irgendwann, was er da treibe. Hinter dem dünnen Vorhang sähen ihn die Türsteher, erklärte er mir im Brustton der Überzeugung. Wenn er lange genug warte, werden sie schon erkennen, dass er genau der richtige Gast für das Käferzelt sei! Man sehe es mir nach, dass ich Michi Käfer nicht umgehend per Handy informierte, sein wichtigster Gast stehe bei uns vor der Tür.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

17.09. Samstag
Schon letztes Jahr wollten wir eine neue Kutsche für unsere Gäste zum Einzug der Festwirte. Doch eine Woche vor der Wiesn rief uns der Kutschenbauer an. Er teilte uns mit, dass der lange bestellte Wagen nicht fertig werde. Es traf uns wie ein Schock. Der neue Wagen sollte deutlich größer sein als der alte und dementsprechend hatten wir eingeladen. Also wurde das bereits ausrangierte Model wieder aktiviert.
Heuer wurde der Wagen knapp vor der Wiesn zu unserem Kutscher gebracht. Diesen traf jedoch fast der Schlag, als er auf dem Typenschild das zulässige Gesamtgewicht sah. Demnach durften auf den neuen, größeren Wagen noch weniger Gäste als auf den alten! Der Wagenbauer selbst hat den anschließenden Wirbel so gar nicht verstanden. Nur unser Anwalt schaffte es, ihn auf die richtige Spur zu bringen. Plötzlich war er nun doch in der Lage, die Konstruktion zu verstärken. Inzwischen misstrauisch geworden wie ein alter Indianer bestanden wir auf einem TÜV-Gutachten. Dieses brachte zum Glück das erhoffte Ergebnis und wir konnten endlich in neuer Pracht auf die Wiesn einziehen.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

16.09. Freitag
Im Grunde bin ich recht gelassen. Allerdings muss ich zugeben, dass mich zwischendurch manchmal eine Art Lampenfieber packt. Aber das geht immer nach ein paar Sekunden wieder vorbei. Spätestens nach dem Anzapfen legt es sich ganz und kommt erst wieder kurz vor der nächsten Wiesn. Die letzte erzählenswerte Wiesngeschichte des vergangenen Jahres passierte nach dem Oktoberfest. Bei der Bearbeitung meiner sträflich vernachlässigten E-Mails der vergangen 17 Tage, las ich eine Nachricht von Hannes. Er bat mich darum, ihm eine Karte zu schicken. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich und so steckte ich rasch eine alte Speisenkarte der Jubiläumswiesn nebst einem Anschreiben in die Post. Nach der ersten oberflächlichen Sichtung ging ich alle E-Mails noch einmal durch. Dabei stellte ich fest, dass Hannes' Schreiben schon vor dem Oktoberfest abgeschickt worden war. Schlagartig wurde mir klar, was er eigentlich wollte: Er meinte wohl, ich solle ihm eine Einlasskarte für das Weinzelt zuschicken. Er hat ganz schön gestaunt, als er nach dem Fest eine Speisenkarte „wunschgemäß" in der Post fand.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

2010 »

KUFFLERS WEINZELT - Logo

Kuffler Weinzelt GmbH
Fon 089. 290 705-17
weinzelt@kuffler.de