Wiesn-Tagebuch

Täglich exklusiv im Münchner Merkur: Das Wiesn-Tagebuch von Stephan Kuffler

2012

06.10.2012 Samstag
Das wäre die Wiesn 2012 gewesen und so traurig es ist, so ist es auch gut. Nach 16 Tagen sind nicht nur die Dienstleister durch, sondern auch manche Gäste. Heute hielt ich einen holländischen Lederhosenträger auf, der mit einem unserer Stühle das Weite suchen wollte. Ein russischer Gast bestellte einen Transfer in die Innenstadt und war anschließend recht verwirrt. Er wollte nämlich nach Immenstadt im Allgäu. 16 Tage feiern trägt eben seine Blüten. Aber es war eine tolle Wiesn, ohne größere Ausfälle und Auffälligkeiten - der ganz normale Wahnsinn halt.
Am Montag wird es wieder gruselig, wenn alles leer ist und die Handwerker mein Zelt kaputt machen. Diese morbide Stimmung mag ich gar nicht, aber es sind ja nur 349 Tage bis es wieder heißt "O'zapft is" und darauf freue ich mich schon jetzt.
Schau ma mal, was nächstes Jahr wieder los ist.

05.10.2012 Freitag
Heute schreibe ich gemeinsam mit zwei berühmten Autoren, nämlich Volker Klüpfel und Michael Kobr - jeder abwechselnd einen Satz: Dass da nix Gscheit's rauskommt, ist leider vorprogrammiert, reicht ja schon, dass ich normalerweise den Kobr grammatikalisch durchschleppen muss. Ich freu mich, endlich sind die Nicht-Klüpfel-G'scheithafen in der Übermacht - wir schreiben jetzt mal volksnah. Damit sind dann wohl der Wirt und Herr Kobr selbst gemeint? Ein Gastronom und ein Deutschlehrer - und draußen im Weinzelt spielt die Musi - ich bin kein Star, aber holt mich trotzdem jemand hier raus? Nein, lasst ihn ruhig hier, im Zelt geht er nur recht in der Masse unter, der g'studierte Herr! Bitte nicht streiten, Buben, wir wollen doch nicht, dass einer heulen muss. Isch recht, dann schreiben wir jetzt zu dritt den neuen Kluftinger-Fall "Tod am Biertisch". Gut, fang ich mal an: Kluftinger stutzte - er setzte sein Glas ab und sah sich um. Das lassen wir jetzt besser, das wird zu lang. Tausend Dank, dass Ihr mitgemacht habt.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

04.10.2012 Donnerstag
Es gibt sie noch, die guten Menschen. Ein Stammgast aus Österreich hat seinen Geldbeutel verloren und eine Münchnerin hat ihn gefunden. Die beiden stehen in Kontakt und sie wird das Portemonnaie zuschicken. Das ist echte BÖF: Bayerisch-Österreichische Freundschaft. Ein anderer Gast rief ganz entsetzt unseren Türsteher an. Als seine Begleitung an der Bar bezahlen wollte stellte sie fest, dass ihre Handtasche offen war und das Handy fehlte. Aber: Keine zwei Minuten später wurde die Dame von einem anderen Gast angesprochen. Die Frage war, ob sie ihr Handy vermisse. Dieser Gast war in Wirklichkeit eine Polizistin von der Taschendiebfahndung. Sie hatte nicht nur den Dieb erwischt, sondern auch das Handy sichergestellt. Man kann sich bei den Kollegen von der Wiesnwache gar nicht oft genug für ihre Arbeit bedanken.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

02.10.2012 Dienstag
Meine Lieblingsbestellung von gestern war: "19 Schnitzel, ein Spanferkelbraten und eine 4,5 Literflasche Grey Goose Vodka, bitte". Außerhalb der Wiesn würde man da schon schwer ins Grübeln kommen, aber hier...? Ein russischer Gast hatte ein großes Steak vom Weideochsen bestellt. Eine Stunde später war er immer noch nicht fertig, wollte aber zur Abwechslung zwei Kugeln Eis und einen Kaffee haben. Danach wieder ein Weißbier und weiter ging es mit dem Ochsen. Dann probierte er ein bisserl Apfelstrudel und widmete sich anschließend wieder seinem Hauptgericht. Nach über drei Stunden durfte das Steak immer noch nicht abgeräumt werden. Fehlte nur, dass er sich beschwerte, das Fleisch sei kalt, aber so weit kam es denn doch nicht.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

01.10.2012 Montag
Der mittlere Wiesnsamstag war mal wieder der Tag der Tage. Vor allem, weil man unserer Gartenbedienung Friederike mitten im Getümmel ihren Geldbeutel samt Ausweis geraubt hat, und dies, obwohl er mit einer Kette bestens gesichert war. Sie trug gerade eine Kiste mit Schmutzgeschirr beidhändig über dem Kopf, als sie einen heftigen Ruck spürte. Da war es leider schon zu spät. Es ist eine gemeine Unverschämtheit, wenn Nichtsnutze mit einem Handgriff die Arbeit einer ganzen Woche zunichte machen. Friederike war einem Nervenzusammenbruch nahe und musste nach Hause gehen. Der erste, den wir bei solch einer Tat erwischen, wird bei minus 18 Grad im Tiefkühlhaus verwahrt werden, bis die Polizei kommt. Und mit dem Notruf werden wir uns sehr viel Zeit lassen.
Das schöne an der Geschichte ist, mit welcher Solidarität unsere Mitarbeiter und viele Gäste im Weinzelt für Friederike gespendet haben. Ein herzliches Dankeschön an alle!
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

29.09.2012 Samstag
Kaum ist die Hälfte der Wiesn fast rum, fängt die Konzentration auch schon an nachzulassen. Heute früh wollte ich meinen Kollegen Ludwig Reinbold besuchen. In Gedanken und telefonierend nahm ich eine Abkürzung durch den Gastgarten. Der Wachmann an der Tür wollte meinen Hirschfänger sehen. Kann er gerne. Statt einer Klinge hat er eine Hartgummipatsche - also kein Problem. Die Schützenfesthalle kam mir eigentümlich verändert vor und das Büro war auch nicht mehr da, wo es mal war. Ich hatte gar nicht in Erinnerung, dass hier so viel geändert wurde. Also fragte ich einen Geschäftsführer, wo die Herren Reinbold denn seien. Er sah mich an und meinte: "Sie sind doch der Herr Kuffler vom Weinzelt, gell? Also die Reinbolds sind drüben im Schützenzelt. Hier sind Sie im Winzerer Fähndl."
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

28.09.2012 Freitag
Gerade als alles so schön lief, gerieten wir mitten in einen Rosenkrieg. Doris, Reservierungsleiterin im Weinzelt, fand eine Versteigerung unserer Gutscheine auf eBay. Die Anbieterin war rasch ermittelt und wurde angerufen. Sie behauptete, ihr Mann habe diese Versteigerung angezettelt. Der Ehemann und sein Anwalt schrieben uns jedoch, dass besagte Versteigerung bereits rechtlicher Bestandteil des Scheidungskriegs sei. Auch wurde uns mitgeteilt, Herr B. könne seine anderen Reservierung leider nicht aufrecht halten. Seine Frau habe angekündigt, eigens zu kommen, um ihn und seine Gäste zu belästigen.
Lieber Herr B., wer unsere Tische versteigert, wird von der Gästeliste gestrichen. Wer eine Reservierung so kurzfristig storniert, muss laut unseren AGBs akzeptieren, dass kein Geld rückerstattet wird. Gerne können sie im Weinzelt oder bis 31.10. im Haxnbauer eingelöst werden. Aber sie dauern uns und deshalb machen wir bei Ihnen gerne eine Ausnahme.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

27.09.2012 Donnerstag
Wiesnwirt in Einzelhaft. Hätte mich gestern jemand von der Presse in der Arrestzelle auf der Wiesnwache gesehen, würde so wohl die Schlagzeile lauten. Ich kann nur sagen, in diesen Zellen fehlt eindeutig die weibliche Hand - von Gemütlichkeit keine Spur.
Aber ich wollte es ja sehen, als meine Vorstandskollegen vom Münchner Sicherheitsforum, Polizeivizepräsident Robert Kopp und Stadträtin a.D. Elisabeth Schosser, und ich die Wiesnwache besuchten.
Beim Münchner Sicherheitsforum handelt es sich um einen sogenannten Polizeiverein. In unserem Fall kümmern wir uns vornehmlich um den Schutz von Senioren gegen Kriminalität sowie Jugend- und Kinderarbeit. Schauen Sie mal im Internet und auf facebook nach.
So erheiternd der Besuch der Wiesnwache war, ist die Arbeit dort nicht immer lustig. Sie haben sogar einen ganz speziellen Mundschutz, der gewisse Klienten daran hindert, Polizisten durch die Zellengitter anzuspucken.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

26.09.2012 Mittwoch
Heute komme ich kaum zum Arbeiten. Radio Gong hat seit vielen Jahren sein gläsernes Sendestudio bei uns in Kufflers Weinzelt und vom ersten Tag an bin ich häufiger Gast auf Sendung. Meistens war das bei Morning Man Mike Thiel, der heuer nur am Wochenende aus dem Zelt sendet. Aus Gründen, die nur er selbst kennt, kam Mike auf die schlaue Idee, mich in aller Früh zuhause anzurufen. Er will halt ein paar O-Töne, wie es so schön heißt. Dass 7 Uhr am Morgen nicht gerade die beste Zeit ist, um einen Wiesnwirt aus dem Bett zu trommeln, scheint ihm entgangen zu sein.
Warum ich deshalb heute kaum zum Arbeiten komme? Weil jedermann im Zelt, Gäste und Mitarbeiter, wissen will, ob diese Anrufe tatsächlich zu so einer unchristlichen Zeit stattfinden.
Für eine Antwort bin ich leider zu müde.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist

25.09.2012 Dienstag
Das Verhalten der Gäste auf der Wiesn weicht deutlich von jenem im Ganzjahresgeschäft ab. Die meisten sind viel lustiger und ausgelassener. Man ist oft schnell per du und manch einer bedankt sich sogar für die schöne Zeit.
Einige Verhaltensweisen treiben aber auch besondere bis unangenehme Stilblüten, häufig dann, wenn es ums Zahlen geht. So hat gestern jemand nach ausgiebigem Studium der Karte einen guten Riesling bestellt. Als der Kellner die Flasche geöffnet hatte, flippte der Besteller regelrecht aus. Er meinte, Riesling habe er seiner Lebtag noch nie gemocht. Die unbezahlte, offene Flasche konnte man leider nur entsorgen, den Gast aber auch.
Ein anderer Gastgeber fand beim Begleichen der Rechnung, keiner seiner 20 Gäste habe ein Schnitzel gegessen. Nach unbefriedigendem Disput langte es dem Kellner. Er rief laut in die betreffende Runde, wer alles ein Schnitzel gehabt habe. Sechs Hände schossen diensteifrig nach oben. Ende der Diskussion.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

24.09.2012 Montag
Ein erster Samstag auf der Wiesn ist immer eine holprige Geschichte. Alles wurde wieder neu aufgebaut und viele Abläufe müssen wieder ins Gedächtnis gerufen werden, auch wenn sie noch so viele Jahre immer wieder geübt wurden. Bei uns lief es insgesamt recht ordentlich. Leider hat es geregnet und wir mussten das Zelt ziemlich früh schließen, weil die Leute vor dem Regen ins Zeltinnere geflohen sind. Da hatten sie wohl nicht damit gerechnet, dass es ihnen innen auch hie und da auf den Kopf regnet. Das muss besser werden.
Mit den Wein- und Apfelsaftschorlen war es auch etwas schwierig. Der Installateur hatte das Sodawasser leider von der Warmwasserleitung gezapft. So viele Eiswürfel haben wir noch nie gebraucht! Aber heute ist alles behoben und wir sehen den kommenden zwei Wochen entspannt entgegen.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

22.09.2012 Samstag
Hallo da bin ich wieder und um gleich richtig in Schwung zu kommen, erzähle ich eine Geschichte vom letzten Wochenende der vergangenen Wiesn.
Herr H. kam ins Festzelt-Büro und gab an, er könne seine Weste nicht mehr finden. Offensichtlich hatte er wenig Zutrauen, denn er malte sein Kleidungsstück auf einen kleinen Zettel - eine Weste halt. Aber das war noch nicht alles. Auch Anblick von oben und Schnitt eines der Westenknöpfe wurden künstlerisch hinzu gefügt. Dann noch schnell Name nebst Handynummer dazu geschrieben und fertig.
Leider hat an diesem Abend niemand eine Weste gefunden, weshalb auch der ausgelobte Finderlohn nicht beansprucht werden konnte. Ausgesetzt waren wahlweise, und das ist kein Scherz, ein Essen oder eine Magenspiegelung.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

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