Wiesn-Tagebuch

Täglich exklusiv im Münchner Merkur: Das Wiesn-Tagebuch von Stephan Kuffler

2014

20.09.2014 Samstag
Wir machen Wiesn. So müsste es jetzt doch neudeutsch heißen. Schließlich sagt man heutzutage auch, wir machen Party. Bis vor 10 Jahren ging man auf eine Party, noch früher auf eine Fete. Für den Satz 'Wiesnmuffel geht gar nicht' hätte man bis vor kurzem die Note 6 in einem Aufsatz erhalten. Immerhin fehlt das Hilfsverb 'sein'. Heute stellt man noch ein 'hallo' mit langgezogenem 'O' an den Satzanfang. Also lautet das Motto für die kommenden 16 Tage: "Halloooo - wir machen jetzt Wiesn und Wiesnmuffel geht gar nicht."
Ich halte mich ja selbst für ein progressives Kerlchen, aber an dieser Stelle bin ich doch froh, dass auf unserem Oktoberfest in den letzten 10 Jahren mehr beim alten geblieben ist als in unserer Sprache. So war es auch gestern, als die Weinzeltfamilie wieder zusammen kam: Fröhliche und (fast) unveränderte Gesichter, die sich alle herzlich über das Wiedersehen freuten.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

22.09.20014 Montag
Seit ein paar Jahren haben wir am ersten Sonntagmittag im Weinzelt stets Gäste aus Moskau. Aufgrund der politischen Großwetterlage war ich sehr gespannt, ob das auch heuer wieder so sein würde. Die Spannung war nicht etwa wegen der Gastgeschenke, die ich immer bekomme, so groß. Einmal war es eine Matrjoschka, wobei mein Konterfei auf jeder einzelnen der kleinen Schachtelpuppen aufgebracht war. Ein anderes Mal waren es die Gesichter großer russischer Persönlichkeiten wie Lenin, Zar Nikolaus oder Putin. Damals hat man darüber noch gelacht. Aber die spannende Frage war, ob sie auch dieses Jahr wieder am Trachten- und Schützenumzug teilnehmen würden. Und das taten sie, in russischer Tracht mit einer Pferdekutsche, auf der stand ‚From Russia with love'. Nächstes Jahr holen wir mal gewisse Staatsoberhäupter und zeigen denen, wie Völkerverständigung auf bayerisch geht.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

23.09.20014 Dienstag
Bei Toni Roiderers 70sten Geburtstag heute im Hackerfestzelt traf ich meinen alten Wegbegleiter Michael Süßmeier, Sohn der Oktoberfestlegende Richard Süßmeier. Sein linkes Bein war dick eingegipst und mit einer Scharnierschiene versehen. Jeder der ihn begrüßte schaute natürlich fragend auf seinen Haxen und erhielt die lapidare Antwort: „Schwammerl suacha." Ja wia jetzt des, kam prompt die Zusatzfrage. „Ich bin über einen gigantischen Steinpilz gestolpert." Einem besonders mitleidig dreinblickenden Zeitgenossen wurde versichert, Schuld sei weder ein Iron Man noch sonst eine sportliche Veranstaltung gewesen.
Tatsächlich hat er sich beim ‚Schwammerl suacha' in einer Furche im Wald den Fuß verdreht und das Wadenbein gebrochen. So gefährlich können Pilze sein! Gute Besserung, lieber Michael.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

24.09.2014 Mittwoch
Was mich besonders freut ist, dass sich unter den Weinzeltgästen auch viele Kollegen aus der Gastronomie befinden. Einige von diesen wollen mich lustigerweise, zum Dank dafür, dass sie hier bei mir ihr Geld ausgeben dürfen, noch in deren Wirtschaft einladen. Roland, der frühere Wirt des Kastanienhofs, war zum Beispiel so ein netter Mensch. Manchmal weiß ich aber auch gar nicht genau, um welches Restaurant es sich nun handelt. Natürlich habe ich früher trotzdem immer gleich gesagt, ich käme nach der Wiesn gerne vorbei. Inzwischen mache ich das nicht mehr ohne mich exakt nach dem wirtschaftlichen Zweck der Einrichtung zu erkundigen. Dies dient der Vermeidung von Missverständnissen. Einmal stellte es sich nämlich heraus, dass einer dieser großzügigen Gastgeber kein Wirtshaus sondern ein Freudenhaus hatte. Im nachhinein hätte ich gerne mein eigenes dummes Gesicht gesehen, als mir das klar wurde.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

25.09.2014 Donnerstag
O Du frohes Feste am Fuße der Bavaria, wie sehr liegst Du mir am Herzen. Ja, ich mag die Wiesn wirklich wahnsinnig gerne. Zum einen ist es hier unendlich viel abwechslungsreicher als im restlichen Jahr an meinem faden Schreibtisch. Zum anderen hat man immer wieder so viele positive Erlebnisse, wie heute zum Beispiel: Der Geldbeutel ist des Kellners wichtigstes Arbeitswerkzeug. Er dient nicht nur der Geldaufbewahrung, sondern enthält auch Utensilien wie Rechentabellen, Heftpflaster oder Notizen über Reservierungen und deren Menüfolge. Da wurde heute nicht schlecht gestaunt, als Küchenchef Freddy mit einem Gast im Schlepptau ins Büro kam und meinte: „Schaut her, was ich hier für einen ehrlichen Menschen habe." Werner Krauss-Pellens aus Krailling hat die Kellner-Brieftasche von Didi auf dem WC gefunden und prompt abgegeben. So viel Aufrichtigkeit wurde natürlich mit einer Einladung zum Essen honoriert.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

26.09.2014 Freitag
Bänker sind auch nur Menschen und manchmal sogar besonders lustige. Ein spaßiger Vertreter dieser Spezies wollte zahlen, doch seine EC-Karte war für den angedachten Betrag nicht gut. Hierfür gab er unseren Lesegeräten die Schuld. Dass diese derweil munter vor sich hin ratterten, beeindruckte ihn wenig. Mein Bruder fragte ihn, welches Limit er sich selbst gegeben habe, da es wohl nicht an unseren Maschinen lag. Da er von einem renommierten Bankhaus war, wollten wir ihm ausnahmsweise die Rechnung über den Restbetrag zuschicken, sofern er sich mittels Ausweis zu erkennen gebe. Dies war in seiner Welt jedoch der Gipfel der Unverschämtheit, denn schließlich sei er im Hause bekannt. Mein Bruder hingegen kannte ihn überhaupt nicht. Er fragte ihn, ob er häufig 1000 € hergebe, wenn mal eben jemand ohne Ausweis in seine Bank spaziere. Daraufhin gab er uns zu guter Letzt gnädig seinen Ausweis.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

27.09.2014 Samstag
„Auf in den Kampf Torero" könnte man in Anbetracht des bevorstehenden Wochenendes sagen. Leider ist das eher spanisch als italienisch, was vor diesem Wochenende wiederum deutlich passender wäre. Liebe Gäste aus Italien, wir lieben Euer Land, Euer Essen und das Dolce Vita. Wir wissen auch, dass wir Euch bei weitem nicht nur nette Deutsche an die Adria schicken. Aber haben wir das wirklich verdient, was Ihr uns jedes Jahr am mittleren und letzten Wochenende herschickt? Wir nennen es die Rache aus Terracina. Wo holt Ihr diese Herrschaften nur her oder besser: Wo versteckt Ihr die, wenn wir in den Sommerferien Eure zauberhaften Signorinas und feschen Raggazi bewundern? Die Exemplare auf der Wiesn hingegen besitzen fast ausnahmslos nur Kapuzenshirts, ausgebeulte Hosen sowie Schuhwerk im Endstadium. Und wenn es regnet wird das Regenwasser als besondere Delikatesse vom Hendlteller geschlürft.
O mamma mia!

29.09.2014 Montag
Am Sonntag wurde meiner Mutter die Ehre zuteil, anlässlich des Platzkonzerts aller Wiesnkapellen dirigieren zu dürfen. Hintergrund ist unser 30 jähriges Jubiläum mit Kufflers Weinzelt auf dem Oktoberfest. Wir betrachten es als Privileg, seit so langer Zeit das Vertrauen der Stadt München und unserer Gäste genießen zu dürfen. Ich selbst war dem Oktoberfest schon immer sehr verbunden, auch wenn es früher manchmal eher gruselig-schön war. Bis weit in die 80er Jahre hinein war eine ordentliche Rauferei beileibe kein Grund, die beteiligten Kontrahenten in Polizeigewahrsam zu nehmen. Dies fand erst ab Stichverletzungen aufwärts statt. Spät abends kamen damals häufiger Polizisten auf eine Brotzeit vorbei. Meist sahen sie derartig zerzaust aus, dass einem Himmelangst wurde. Das waren die normalen Spuren deren Tagesgeschäftes. Aufgrund von Ordnermangel musste ich selbst auch ab und zu hinlangen, wenn es darum ging, Streithanseln zu trennen. Das wäre heute undenkbar und das ist gut so. Aber trotzdem blicke ich immer wieder mit sentimentaler Freude auf die vergangen 30 Jahre hier auf dem Oktoberfest zurück.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

30.09.2014 Dienstag
Gastronomen haben komische Albträume. In meinem Fall war es, dass ich am letzten Samstag viel zu spät um 13 Uhr ins völlig leere Weinzelt komme. Kein einziger Gast ist da und an jeder Tür steht ein Ordner, hält diese zu und die Türsteher machen Brotzeit. Ich bin schweißgebadet aufgewacht! Christoph Tomschy – Chef der Bars im Weinzelt – hatte einen ähnlich argen Traum: Er steht hinter der Bar, alles ist voll, jeder bestellt etwas, aber er kann sich nur noch in äußerster Zeitlupe bewegen.
Immer lustig ist es um den Ofenkartoffelstand von Erich Bauer und seinen Kumpanen herum. Alex von der Gartenbar leiht sich jeden Morgen den Besen vom Kartoffelstand. Nur Csaba, der Kartoffelhelfer, versteckt den Besen jeden Morgen an einer anderen Stelle. Die beiden sehen das sportlich und an zwei Tagen hat Alex den Besen in dem winzigen Standl überhaupt nicht gefunden. Jetzt frage ich mich, wie die wohl gefegt haben?
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

01.10.2014 Mittwoch
In der zweiten Woche ist man so richtig auf dem Oktoberfest angekommen und befindet sich voll im Wiesn-Modus.
Auch sind die Gäste in einem Festzelt deutlich lockerer unterwegs als sonst in einem Speiselokal. Entsprechend wird der Umgangston auch immer jovialer und die Faxen gehen einem auch nicht aus. So bekam ich gestern eine SMS von Katharina Inselkammer aus dem Armbrustschützenzelt. Sie bat mich, ihre Gäste, Eishockeyspieler des Red Bull München, zu späterer Stunde einzulassen. Echt nette Kerle, aber so groß, dass es dunkel wird, wenn sie vor dir stehen. Im besagten Wiesn-Modus schrieb ich ihr zurück: „Kein Problem. Eingang auf Zeltrückseite. Codewort: Kathis Eiskunstläufer." Der Kapitän der Mannschaft war vollkommen fassungslos, aber Kathi machte ihm klar, anders käme er nicht ins Weinzelt. Das nächste Mal nehme ich als Codewort ‚Katharina Witt'.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

02.10.2014 Donnerstag
Glückselige Insel „Kufflers Weinzelt", könnte man sagen. Zum einen finden wir alle, völlig unvoreingenommen natürlich, dass die Wiesn im Weinzelt besonders schön ist. Zum anderen gibt es viele brauchbare Berufe im Zelt: Wir haben Experten für Abfallwirtschaft, angehende Ärzte und ausgebildete Rettungssanitäter, Schreiner, Fachleute für Airport Ground Services, echte Köche und ein paar gelernte Kellner. Aber egal wie der soziale Stand im wirklichen Leben ist, auf der Wiesn werden die Karten neu gemischt. Der Anwalt kommt mit dem Auto zur Wiesn, um Sekretärinnen zu bedienen, die mit der U-Bahn da sind. Und der Festwirt wird angehauen: „Junger Mann, jetzt bringst mir mal zwei Halbe Weißbier, aber a bisserl rasch wenn's geht." Ich war schnell und ich habe kassiert, aber von Trinkgeld keine Spur. Was sagt man da: „Tipp ist keine Stadt in Fernost, sondern die noble Pflicht des Gastes!"
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

04.10.2014 Samstag
Plastiklederhosen sind genau das, was ich mir schon immer gewünscht habe. Nur leider gibt es keine an den Orten, wo ich üblicherweise meine Trachten kaufe. Ich stelle mir vor, dass sie sehr bequemen Tragekomfort bieten und bei fortgeschrittenem Wiesnbesuch auch alle möglichen Zusatzaufgaben erfüllen können. Das war es dann aber auch und mal ganz ehrlich: Wie kann man denn einer solchen Hochkultur, wie der bayerischen, mit derartiger Geringschätzung entgegen treten? Offen gesagt hatte ich heute fast das Bedürfnis, die Plastiklederhose eines seiner Träger anzuzünden. Vermutlich würde sie einfach verpuffen, was wiederum recht spaßig wäre. Ja, ich habe meinen Ludwig Thoma gelesen und der hätte sicherlich nicht lange gefackelt. Aber man kann unmöglich wissen, was so einer unter seiner Pseudotracht anhat. Vielleicht ist der Anblick dann noch viel schlimmer.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

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