Wiesn-Tagebuch

Täglich exklusiv im Münchner Merkur: Das Wiesn-Tagebuch von Stephan Kuffler

2009

01.10.2009 Donnerstag
Kurz vor Ende des Oktoberfestes habe ich noch einen neuen Job bekommen. Bislang war ich täglicher Interviewgast im gläsernen Wiesnstudio von Radio Gong im Weinzelt. Jetzt habe ich den Spieß umgedreht und laufe mit dem Mikrophon durch das Zelt um meine Mitarbeiter zu befragen. Das Motto lautet, Chefreporter schaut hinter die Kulissen. „Chefreporter"! Das war eine echte Blitzkarriere. Allerdings bin ich mit Ende der Wiesn auch schon wieder entlassen. Ich muss zugeben, dass es Spaß macht, weil es eine neue Herausforderung ist. Hinter die Kulissen komme ich problemlos, aber selbst schlagfertigste Witzbolde erweisen sich zuweilen als Mikrofonmuffel. Einige Panikschübe konnten gelindert werden, indem der knallrote Windschutz mit Radio Gong Logo entfernt wurde. Trotzdem gab es vereinzelt vollkommen unverständliche Sätze, bestehend aus willkürlich aneinandergereihten Worten. Dies könnte man kommende Wiesn zu einem Ratespiel mit dem Tenor ummünzen: „Was wollte uns der Mann damit sagen?" oder „charmante Wirrköpfe erklären Einfaches bizarr." Aber noch ist diese Wiesn nicht vorbei und wir freuen uns auf den Endspurt.

30.09.2009 Mittwoch
Unvorstellbar, mit welcher Phantasie und Dreistigkeit manche Zeitgenossen ans Werk gehen, um Gerüchte in Umlauf zu setzen. Die führende Mitarbeiterin eines Festzeltes, die es jedoch definitiv nicht gibt, weiß von gefährlichen Funden, die es faktisch nie gab. Fast schon ein Klassiker ist das Märchen von der jungen Frau die einen Geldbeutel mit € 8.000,-- gefunden habe. Sie rief die Handynummer aus dieser Brieftasche an und traf einen sehr freundlichen Araber. Dieser riet ihr, bloß nicht mehr auf die Wiesn zu gehen. Wäre das wahr, würde da aber einer mal richtig Ärger mit seinem Chef bekommen, weil er so leichtfertig gepetzt hat! In einer Variante kam das Mädel aus Kiel, in einer anderen aus Erding und in der nächsten waren es sogar € 80.000,--. Ein weiteres Schmankerl aus der Gerüchteküche war das obskure Reihenmail, in welchem ein Mitarbeiter einer Sicherheitsbehörde namentlich zitiert wurde. Wenig später kam das entsetzte Dementi des Betreffenden, ebenfalls per Reihenmail. All das waren nur Auszüge des unerhörten Blödsinns, der jetzt seine Runde macht. Nach meiner Ansicht sollten die Urheber aufhören zu schwätzen und anfangen, Fantasieromane zu schreiben.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

29.09.2009 Dienstag
Der mysteriöse Anruf eines Freundes brachte mich ins Grübeln. Alexander Liebreich, Dirigent des Münchner Kammerorchesters, fragte mich am Handy, ob ich katholisch sei. Auf mein bejahen hin gab er mir zu verstehen, alles weitere sei nicht geeignet, am Telefon besprochen zu werden. Trotz äußerst pfiffigen Versuchen meinerseits, war ihm zu meinem Bedauern nicht der kleinste Hinweis zu entlocken. Er solle dann halt im Weinzelt vorbei kommen, schloss ich, da würde man mich die kommenden Tage mit Sicherheit antreffen.
Wo soll ich denn auch als Festwirt während der Wiesn sonst hin? Tatsächlich tauchte mein Freund, der Maestro, spät abends gegen 23.00 Uhr noch auf. Jetzt war ich wirklich gespannt und am liebsten hätte ich ihn noch vor der Begrüßung gefragt, was denn los sei. Schließlich ließ er die Katze aus dem Sack: Seine Frau und er wollten mich fragen, ob ich die Patenschaft für deren neugeborenen Sohn übernehmen wolle. Welche Freude und gewaltige Überraschung! Natürlich nahm ich das Amt des Taufpaten mehr als gerührt an.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

28.09.2009 Montag
Heute war ich aufgrund der neuen Sicherheitsbestimmungen etwas länger unterwegs, um zur Theresienwiese zu gelangen. Dabei hatte ich Zeit zum Sinnieren und fand es beruhigend, dass derartige Maßnahmen ergriffen wurden. Auch finde ich es richtig, dass die Wiesn nunmehr den gleichen Status hat, wie die Fußballweltmeisterschaft 2006 oder andere Massenveranstaltungen mit internationaler Ausstrahlung. Beispielsweise ein Überflugverbot für die Theresienwiese hätte man aus meinem laienhaften Verständnis heraus schon vor Jahren aussprechen müssen. Warum das nicht schon längst geschehen ist bleibt mir ein Rätsel. Davon abgesehen ist ein solches Megaevent inmitten einer Stadt nur unter äußerst erschwerten Bedingungen abzusichern. Vielleicht haben genau deshalb Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese vor 199 Jahren außerhalb der Stadt gefeiert. Sie konnten schließlich nicht ahnen, dass München um diese Wiese herumwachsen und eine für alle Beteiligten bequeme Absperrung nicht mehr möglich sein wird.

26.09.2009 Samstag
Allabendlich schmökere ich immer noch wenig im neuen Allgäukrimi, dem Bestseller „Rauhnacht". Dabei fällt der Stress des Tages ab und ich tauche in die Welt des Kommissar Kluftinger ein. Alleine in meinem Wohnzimmer bin ich von der Handlung gefesselt und muss bei der Lektüre immer wieder laut lachen. Heute standen die beiden Autoren, Volker Klüpfel und Michael Kobr, vor mir. Zwei besonders sympathische Jungs mit Bodenhaftung und verschmitzem Allgäuer Charme. Ich lernte, dass man Kobr wie „Kober" ausspricht, während man bei Klüpfel das „e" weglässt. Sekunden später gewinnt man den Eindruck, der schrullige Kommissar Kluftinger sei ebenfalls anwesend. So erzählte ich, wie sich kürzlich Personenschützer vom LKA köstlich über mein Funkgerät amüsierten. Natürlich haben wir im Weinzelt keine Profigeräte, aber dafür kann man es zur Not auch als Babyphone einsetzen. Volker Klüpfel freute sich spontan, das könne auch ein echter „Kluftinger" werden: Der Kommissar muss sich mit Babyphone statt Digitalfunk behelfen.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

24.09.2009 Donnerstag
Andi Werner schenkte mir eine dieser Wäscheklammern mit Brandbeschriftung. Statt meinem Namen hat er allerdings „da Chef" darauf schreiben lassen. Ich habe mich aufrichtig darüber gefreut. Dann kam der erste Gast auf mich zu. Mit leicht anklagendem Unterton verlangte er, ich solle seine Spezeln ins Zelt lassen, wenn ich schon der Chef wäre. Ich erklärte ihm dann, dass ich doch derjenige sei, der aufgrund von Sicherheitsbestimmungen leider gezwungen wäre, eben nicht zu viele Menschen herein zu lassen. Kurz darauf kam der nächste und der übernächste und...
Ich habe wirklich keine Berührungsängste meinen Gästen gegenüber, aber ich kam mir zusehends vor wie Freiwild. Die Wäscheklammer mit „da Chef" überreichte ich dann feierlich Erich Bauer vom Ofenkartoffelstand. Immerhin ist er ja auch so eine Art Chef in seinem Kartoffel-Reich. Als ich später mit ein paar Freunden zurück kam um etwas zu trinken, wollte mir Erichs Bruder gerade ein Glas einschenken. Erich drängte ihn jedoch mit einem breiten Grinsen und dem Kommentar zur Seite, den Herrn Kollegen bediene er persönlich. Dabei zeigte er auf die Wäscheklammer mit „da Chef".
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

23.09.2009, Mittwoch
Von Adabeis und echten Promis handelt der erste Wiesnmittwoch, wenn mein Freund Schorsch Dingler in die Hausbox vom Weinzelt zum Radio Gong Wiesnstammtisch einlädt. Hochkaräter, wie beispielsweise Elmar Wepper, folgen gerne dem Ruf vom Gong-Schorsch. Aber auch welche, die unbedingt auch dabei sein wollen: Gell, Schorsch, ich schau dann morgen vorbei, meinte so einer. Super, sagte Schorsch, aber komm lieber übermorgen. Ja, ja, kam prompt die Antwort, des macht Dir feil nix aus, wenn ich morgen komm! Darauf der Schorsch: "Oder komm noch besser nach der Wiesn." Da half alles Reden nichts und gestern kam er natürlich freudig, trotz sanfter Ausladung.
Aber das tat der guten Stimmung natürlich keinen Abbruch. Endlich hatte ich auch einmal wieder die Gelegenheit, einen längeren Ratsch mit Monika Gruber zu halten. Natürlich rieb sie mir gleich wieder unter die Nase, ich habe vor Jahren mal zu ihr gesagt, sie sei zwar nicht schön aber lustig. Wer zwei Augen im Kopf hat, weiß natürlich, dass der erste Teil meiner Aussage ein Witz war und der zweite Teil wahr ist.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

22.09.2009, Dienstag
Ich war gerade auf einen Ratsch im Ofenkartoffelstand vor unserem Weinzelt, als ein nicht ganz alter und nicht übermäßig alkoholisierter Herr am äußersten Fenster einen Schoppen Federweißen bei mir bestellte. Aus einer spontanen Idee heraus sagte ich ihm, Getränke gäbe es beim nächsten Schalter. Der Herr ging also ein Fenster weiter. Ich sagte: „Grüß Gott, womit kann ich dienen?" Er schaute mich mit einer Mischung aus Verblüffung und Unglauben an, bevor er einen Federweißen bestellte. Wie viel es kostet, wollte er dann wissen. Oh, sagte ich freundlich, Zahlen bitte am nächsten Schalter...
Später fand Gottfried Zemcks jährliche Einladung statt. Alles was am deutschen Schlagerhimmel schwebt, war anwesend und es wurde ausgelassen gefeiert. Ich habe mich unter die Fotografen gemischt und aus der dritten Reihe heraus ein wenig geknipst. Die Presseleute, die mich besser kennen, wissen von meinem Hobby. Andere haben sich ziemlich gewundert, was der Chef hier wohl mit der Kamera macht. Bewundern kann man das Ergebnis jedenfalls » hier.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

21.09.2009, Montag
Die Welt ist klein und es gibt keine Zufälle, oder doch? Gestern besuchte uns einer der Notärzte, die hier auf dem Oktoberfest Dienst tun. Ein wenig älter geworden ist er schon, aber ich habe ihn sofort wieder erkannt. Sein Medizinstudium hat er sich hier im Weinzelt als Kellner finanziert. Heute ist Boris leitender Stationsarzt einer Herzintensivstation. Er kam vor vielen Jahren aus Hamburg und wurde mit dem Ingolstädter Jurastundenten Robert in ein Team gesteckt. Die beiden sind noch heute Kumpels und Robert ist mittlerweile unser Anwalt und Freund geworden. Dann brachte Radio-Gong-Schorsch-Dingler einen Tiroler Freund und Brauereibesitzer in unsere Hausbox. Wenn wir ab und an mal in Tirol sind, hilft uns Rosmarie, die von der ganzen Familie heiß geliebt wird. Nach zwei Minuten stellt sich heraus, dass die Frau des Bräu wiederum die beste Freundin unserer Rosmarie ist. In diesem Zusammenhang fällt mir noch ein, wie einer unserer Kellner eine Breznverkäuferin im Weinzelt entdeckte. Sie war seine Halbschwester, die er 15 Jahre nicht gesehen hatte. Die Wiesn steckt voller Überraschungen.
Schau ma mal was morgen wieder los ist.

19.9.2009, Samstag
Hurra, es ist geglückt! Unsere Kutsche kam rechtzeitig vom Einzug der Wiesnwirte vor dem Weinzelt vorgefahren, was zwar häufig passiert, aber nicht immer. Einmal versuchte sich ein Bus als Straßenblockade, ein andermal leiteten uns auswärtige Polizisten zum Schützenzelt um und vor zwei Jahren ist ein Reifen geplatzt. Pünktlich um 12.00 Uhr mit den Böllerschüssen liefen Wein und Weißbier. Dann weiß der Wirt, dass alle Vorbereitungen erfolgreich waren. 250 Menschen ziehen an einem Strang und schaffen es wie jedes Jahr aus dem Stand heraus, ohne vorherige Trockenübung 3000 Gäste glücklich zu machen.
Nach zwei Stunden stellt sich bei allen das Gefühl ein, es habe nie eine Unterbrechung gegeben und man sei auch keine 348 Tage von der Wiesn weggewesen.
Zu späterer Stunde kam Florian Hoeneß auf mich zu und stellte mir Chris Boettcher vor, mit dem er bei uns feierte. Spontan und fröhlich sprang Chris auf die Bühne und sang mit der Högl Fun Band seinen aktuellen Hit „10 Meter geh". Genau das zeichnet das Oktoberfest aus! Eben sitzt noch jemand ganz normal im Mittelschiff unter allen anderen und auf einmal springt er auf die Bühne und entpuppt sich als bekannter Entertainer, um anschließend wieder seelenruhig in die Münchener Wiesngemeinde einzutauchen; G'schichten, von der Wiesn geschrieben.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

18.9.2009, Freitag
Die häufigsten Fragen vor dem Oktoberfest lauten: „Was macht ein Festwirt vor der Wiesn, wie bereitet er sich vor und gibt es irgendwelche Rituale?" Um es gleich zu sagen, der Wirt Stephan Kuffler bereitet nicht sich vor, sondern Kufflers Weinzelt. Es werden ganz unromantisch die Checklisten abgearbeitet, womit Frage eins auch gleich beantwortet wäre. Mit den Ritualen ist es schon etwas anderes. Zwar werden weder Hasenpfoten ausgepackt noch Glücksbringer gerieben, aber es gibt eine Sache, die für mein persönliches Oktoberfest von entscheidender Wichtigkeit ist: Die Auswahl der Lieder, welche ich auf dem Heimweg höre. Aktives Musikhören ist echte Entspannung und oft singe ich auch laut mit. Nach ein paar Tagen ist es meist nur noch ein Song, der die ganze Fahrt lang wiederholt wird. Letztes Jahr war es „standing in the rain" von Al Green. Dieses Jahr hat „wild young hearts" von den Noisettes eine reelle Chance mein Begleiter zu werden.
Am gestrigen Freitag war es dann endlich so weit: Die große Weinzeltfamilie ist wieder zusammen gekommen. Atmosphärisch entspricht dieser Tag einem Klassentreffen. Es wird sofort gescherzt und gefrotzelt. Wer hier dabei ist, kann gar nicht anders, als sich auf die kommende Wiesn zu freuen.
Dann schau ma mal, was dieses Oktoberfest wieder alles bringen wird.

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