Wiesn-Tagebuch

Täglich exklusiv im Münchner Merkur: Das Wiesn-Tagebuch von Stephan Kuffler

2013

05.10.2013 Samstag
Eine durchaus als apart zu bezeichnende junge Dame fragte nach unserem Barchef. Wolfgang Tomschy ist von der Wiesn und von seinem Berggasthof Sonnbühel viel gewöhnt. Aber als ihm die Dame eröffnete, dass man sich seit gestern durchaus besser kenne, kam er doch ins Straucheln. Nett und charmant sei er, der Barchef, gewesen. Als Tomschy hartnäckig jegliche Bekanntschaft verneinte, zog sie ihre Sonnenbrille ab, zeigte ihr Profil und meinte: „Kennst mi jetzt? Du hast doch die Nacht bei mir verbracht." Da der Wiedererkennungsfaktor immer noch bei null blieb, fuhr sie ihr größtes Geschütz auf. Der Beweis wurde in Form eines Fotos auf dem Smartphone erbracht, welches sie siegesgewiss allen an der Bar präsentierte. Den versammelten Barmitarbeitern blieb der Mund offenstehen, als sie die Aufnahme betrachteten. Es handelte sich um einen wildfremden Menschen, der nur mit sehr viel Phantasie ansatzhalber geringe bis gar keine Ähnlichkeit aufwies.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

04.10.2013 Freitag
Marianne wollte nur kurz eine Zigarette vor dem Weinzelt rauchen, als sie von einem jungen Burschen mit Anfang 20 in schönstem Niederbayerisch angesprochen wurde: „Kommst Du aus München?" Nachdem sie das bejahte, wollte er wissen, ob sie alleine da sei. Sein Papa sei nämlich alleine und er könne sie sich gut als neue Mama vorstellen. Der Papa tät noch recht gut ausschauen und habe unweit von Passau einen Hof mit passablem Auskommen. Da man kein Angebot ungeprüft ablehnen soll, fragte Marianne den Burschen, wie alt sein Vater denn sei. Der wäre Anfang 40, aber immer noch gut in Schuss – so wie sie halt auch. Mit über 50 Jahren sei sie gewiss zu alt, aber dieses Argument wurde abgewiegelt: „Mir wärst schon auch recht, aber noch besser g'fallst mir als neue Mama für meinen Papa." So liebenswürdig wie möglich gab ihm Marianne zu verstehen, dass sie sehr geehrt sei, aber selbst einen ganz lieben Schatz zuhause habe.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

02.10.2013 Mittwoch
Im echten Leben kocht Binh in unserem Restaurant Mangostin, doch während der Wiesn steht er schon seit vielen Jahren in der Weinzelt-Küche. Er ist bei allen äußerst beliebt, weil er uns gerne mit kulinarischer Abwechslung aus Vietnam verwöhnt. Allerdings sollte man ihn auch nicht ärgern oder gar angeben, man könne mindestens so scharf essen, wie die Jungs in seiner Heimat. Dann kann es nämlich passieren, dass eine von fünf selbstgemachten Frühlingsrollen eine ganze Chilischote enthält. So etwas hebt die Stimmung ungemein bei allen Beteiligten außer beim Opfer, und Binh tut dann so, als würde er eine ganze Wasserflasche auf einmal trinken.
Heute Mittag kommen einige meiner Kollegen aus den anderen Zelten auf einen Schwatz und einen kleinen Imbiss aus dem Hause Binh vorbei. Ich überlege ernsthaft, ob man diese Runde nicht auch erheitern könnte, indem man Binhs Chilitest durchführt.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

01.10.2013 Dienstag
In der zweiten Hälfte der Wiesn wird es meist etwas turbulenter. Man merkt, dass Stammgäste und Mitarbeiter nicht mehr ganz taufrisch sind. So rumpelte Kellner Gustav vorbei an Thomas Schlederer und mir in dessen Wurstbude. Thomas und ich sahen sehr interessiert zu, als Gustav sechs Schnapsgläser hervorzauberte. Diese stellte er zügig aber sorgfältig neben den Wurstkesseln auf und nahm sich ganz selbstverständlich den Kräuterlikör aus dem Kühlschrank und begann einzuschenken. Auf meine Frage hin erklärte er, es sei ein toller Gast beim Peter in der Box, den er auf einen Kurzen einladen wolle, weil er ihn gut kenne. Da musste ich schon noch einmal genau nachfragen: „Du willst also in meinem Zelt mit dem Schnaps von Thomas einen Gast vom Peter einladen?" Da schaute er ganz groß und befand, das höre sich deppert an. Wir tranken den Likör dann selbst.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

30.09.2013 Montag
Heute besuchte ich die Oide Wiesn. Fahrgeschäfte aus meiner Kindheit und weit davor stehen neben nostalgischen Wurf- und Schießbuden, die allesamt zauberhaft altmodisch anmuten und immer noch große Anzugskraft haben. Und einen Haufen Leute hat man getroffen. Lustiger weise waren viele davon die selben, welche man vor 20 Jahren im Schützen-Festzelt treffen konnte. Nur waren sie jetzt mit ihren Kindern unterwegs statt mit ihrem Gschpusi wie seinerzeit. Auch waren reichlich Weinzelt-Stammgäste darunter. Da ich während der Wiesn nur seltenst aus meinem Zelt komme, konnte ich mich recht gut über die irritierten Blicke amüsieren. Viele begrüßten mich zwar freundlich, brauchten aber ein paar Sekunden, bevor sie mein Gesicht trotz der Örtlichkeit zuordnen konnten. Manch einer rätselt wahrscheinlich jetzt noch. Mei, in seinem eigenen Zelt ist man halt doch bekannter als bei Bekannten woanders.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

27.09.2013 Freitag
Eine der größten Herausforderungen ist nicht die Arbeit auf der Wiesn selbst, sondern die Suche nach Unterkünften vorab. Da erfahre ich von unserem Haussender, Radio Gong 96,3, wie pfiffig das andere Kollegen lösen. Im Paulanerturm vom Winzerer Fähndl befänden sich nämlich eine Legion Stockbetten, in welchen die Bedienungen des Traditionszeltes traditionell übernachten würden. Das sei auch der Grund, warum sich der Maßkrug auf dem Turm nachts nicht drehe, schließlich könne sonst kein Mensch schlafen. Das leuchtet ein! Mittels einer Strickleiter, die eigentlich für die Seenotrettung entwickelt wurde und dementsprechend belastbar ist, kämen sie nachts bequem bis in die höchste Spitze. Wie immer seien die obersten Betten natürlich die begehrtesten. Leider war das Ganze jedoch nur eine gekonnte Einlage des Kabarettisten Moses Wolf. War ja auch klar, denn wo hätten die Leute denn duschen sollen - in der Wildwasserrutsche?
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

26.09.2013 Donnerstag
Metzgerei Kuffler – echte Wurst" steht über der neuen Wurstbude im Weinzelt Garten. Wurstchef Puschl studiert im echten Leben Latein auf Lehramt und kann mit allen Gästen romanischer Provenienz prima kommunizieren. Bei Russisch hilft es dann aber auch nichts, wenn der Russe zwecks Verständigung immer langsamer und langsamer spricht.
Unklar blieb, ob sich der Rassismusvorwurf, weil es ausschließlich Würste vom Schwein gibt, gegen die Schweine oder die Kunden richtet. Die Frage nach der vegetarischen Speisenkarte, wurde schließlich nicht weiter kommentiert. Man fragt auch nicht im veganen Lokal, ob man den Salat mit Bacon haben kann. Viel wird auch zur Völkerverständigung unternommen, insbesondere im Hinblick auf den Modus Operandi beim Verzehr von Weißwürsten. Dennoch ist der Kunde König und so wurde sie auch schon in der Semmel mit Ketchup verkauft. O tempora o mores!
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

25.09.2013 Mittwoch
Heute Mittag kam ein durchaus bekannter Herr nebst Frau und einem Bekannten in unser Reservierungsbüro. Da ich außer meiner Tätigkeit beim Münchener Merkur noch einen Nebenjob als Gastwirt ausübe, verbietet es sich leider aus Diskretion, den Namen zu nennen. Jedenfalls fragte Doris, unsere Reservierungsleiterin, wie sie denn helfen könne. Der Herr: „Ich habe Herrn Kuffler einen Brief geschrieben." Doris: „ Ja fein, was stand denn darin?". Der Herr: „Den Brief habe ich Herrn Kuffler geschrieben." Doris: „Sehr gut, aber wie kann ich Ihnen denn helfen?" Der Herr: „Das stand im Brief an Herrn Kuffler." Offenbar meinte er meinen Vater und nicht mich, denn ich stand fassungslos lauschend daneben. Auch der Bekannte des Herrn bemerkte, er solle doch sagen, was er wolle. Aber jener wurde ebenso angeschnauzt, das stünde alles im Brief an den Herrn Kuffler. Schließlich verließ er beleidigt das Zelt.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

24.09.2013 Dienstag
Heute Mittag war im Ofenkartoffelstand vorm Weinzelt mal wieder Pizza Party, gestiftet von Ronny aus Box 5 für seine Kollegen. Tiefkühlpizzen, mit frischem Belag verfeinert, sind wirklich ein Genuss, wenn sie heiß aus dem Kanonenofen kommen. Csaba machte im selben Ofen noch frische Chips, die mit Olivenöl bestrichen herrlich knusprig und kartoffelig schmeckten. Dazu gab es verschiedene Dips, teils pikant, teils mild aber die letzte Sauce, die ich probierte, brannte mir fast ein Loch in meinen Bart. Peter aus Box 13 hatte sie selbst gemacht, vermutlich im Vorhof zur Hölle. Ein vermeintliches Sauerrahmdip sollte dem sensorischen Wahnsinn in meiner Mundhöhle Linderung bringen, doch die Knoblauchsoße brannte fast noch mehr. Ich plane, das Büro den Rest des Tages nicht mehr zu verlassen, erst wenn die Band um 0.30 Uhr aufhört zu spielen. Dann kann ich das Zelt blitzartig leeren indem ich einmal tief atme.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

23.09.2013 Montag
Offenbar bin ich nicht der einzige mit einer Namenfindungsschwäche, wie zum Beispiel Patrick, der seit gut 8 Jahren bei uns im Weinzelt arbeitet. Der kam nämlich auf mich zu und meinte: „Basti, ich brauche diesunddas und die Leute sagen, das bekomme ich bei Dir." Ich bin viel gewohnt, aber dass mich ein langjähriger Mitarbeiter mit meinem Bruder verwechselt, hat mich dann doch überrascht. Gut, die Hälfte der Gäste nennen mich Roland und ein paar wenige sagen sogar Michael zu mir. Die können wahrscheinlich Kuffler und Käfer nicht auseinander halten. Aber so etwas von einem altgedienten Haudegen...
Ich muss ihn mit ziemlich großen Augen angesehen haben, als ich entgegnete, er möge sich dann auch hübsch vertrauensvoll an Basti wenden. Sein Gesicht nahm die Farbe einer wunderbar reifen Tomate an und jedes mal wenn wir uns über den Weg laufen, entschuldigt er sich wieder bei mir.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

21.09.2013 Samstag
Diese Wiesn ist etwas ganz Besonderes für mich, weil ich sie um ein Haar nicht mehr erlebt hätte. Auch empfand ich das letztjährige Oktoberfest als außerordentlich anstrengend. Hintergrund waren Bluthochdruck mit Spitzenwerten bis 250 und ein bis dato nicht diagnostiziertes Aneurysma in meinem Hirn. Die auffälligste Folge waren ungeheure Kopfschmerzen.
Im November wurde dann zum Glück die richtige Diagnose gestellt und ein neurochirurgischer Eingriff durchgeführt. Immerhin habe ich es jetzt schriftlich, was viele meiner Lehrer scheinbar bezweifelt hatten: Ich besitze tatsächlich ein Gehirn mit allem drum und dran! Allerdings hat dieses Organ auch einige Zeit zur Regeneration benötigt.
Nachdem ich also das letzte Oktoberfest unter Einfluss schwerster aber wenig hilfreicher Schmerzmittel durchstehen musste, bin ich dieses Jahr so motiviert wie noch nie. Auch hatte das Wiedersehen mit der Weinzeltfamilie heuer eine besonders emotionale Note.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

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