Wiesn-Tagebuch

Täglich exklusiv im Münchner Merkur: Das Wiesn-Tagebuch von Stephan Kuffler

2015

18.09.2015 Freitag
Jetzt bin ich aber wirklich froh, wenn es endlich losgeht. In den vergangenen drei Wochen sprangen über 10 Prozent der Servicemitarbeiter ab. Einer bekam höchst ‚überraschend' ein großes Projekt übertragen, zwei andere leiden an Blitzkrankheiten, die voraussichtlich bis Wiesnende andauern. Zwei Brüder sagten mit Abstand von drei Tagen ab - eigentümlicherweise aus unterschiedlichen Gründen. Eine klettert zwar permanent auf Berge der K2-Klasse, bekam aber gestern beim Autofahren Kreuzverschlag oder so. Mit Sicherheit wird es heute, am Freitag, um 10 Uhr zur Vollversammlung weitere Ausfälle geben.
Unabhängig vom ungeheuren Mehraufwand bin ich auch persönlich enttäuscht und werde das bei meiner Ansprache vor den Servicemitarbeitern in gebotener Form, jedoch in aller Deutlichkeit, zum Ausdruck bringen. Da gibt es auch schon einen Plan. Ich werde davon berichten.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

19.09.2015 Samstag
Die letzte Wiesn ging gefühlt erst gestern zu Ende und der letzte Abend 2014 war recht turbulent. Zunächst muss ich vorausschicken, dass ich live auf Radio Gong mit Mike Thiel gescherzt hatte, wer auch immer das Fliegerlied im Zeltbüro performe, bekäme eine garantierte Reservierung für die Wiesn 2015.
Gegen 20 Uhr war das Büro gesteckt voll mit Gästen als eine Gruppe von 7 Polizisten mit einem Taschendieb hereinkam. Prekärerweise sollte der damalige Haustechniker als Zeuge mit zur Wache kommen. Den hatten wir aber gerade erst wegen eines harmlosen Deliktes gegen Kaution befreit (Wiesn ohne Haustechniker ist schwierig, heuer haben wir einen anderen). Und jetzt sprang die Tür des Büros auf und herein kamen zwei fesche Dirndln, die laut singend das Fliegerlied performten – soll heißen, sie tanzten wild gestikulierend und synchron zwischen Taschendieb, Gästen und Polizisten durch den Raum.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

21.09.2015 Montag
Die neue Wiesn begann, wie die vergangene endete – mit Polizei im Festbüro. Ein Weinzeltordner hat bei einer routinemäßigen Taschenkontrolle sackweise Drogen gefunden und bestellte die Polizei zwecks Abholservice ins Büro. Es muss sich aber auch um Deutschlands dümmsten Drogendealer gehandelt haben, denn man weiß doch, dass Rucksäcke stichprobenartig durchsucht werden. Hätte er sich das Zeug in seine Hosen- und Jackentaschen gesteckt... hat er aber nicht. Es handelte sich um durchsichtige Säckchen mit blauen Pillen – rund, nicht dreieckig. Ich fragte einen der Polizisten, ob man denn sicher wisse, dass es Drogen seien. Er wusste es nicht sicher und ich schlug vor, sie erst einmal zu testen, bevor man den Herrn eventuell völlig umsonst mitnehme. Im Dealer glomm ein Hoffnungsfunke auf, der Polizist starrte mich ungläubig an und unsere Bürodamen, die mich besser kennen, schütteten sich aus vor Lachen.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

22.09.2015 Dienstag
Haben Sie schon einmal Pfefferdragées mit weißer Schokolade versucht? Ich auch nicht und offen gesagt fürchte ich, dass es so etwas gar nicht gibt. Nun, ursprünglich sollte heuer eine Episode der versteckten Kamera in unserem Zelt gedreht werden. Leider wurde der Dreh aus organisatorischen Gründen abgesagt. Aber es hat mich inspiriert und seitdem kompensiere ich diesen Drehverlust indem ich versuche, jemandem besagte Dragées aufzudrehen, die es wie gesagt nicht gibt. Denn meine Bonbons kommen aus Bauers Ofenkartoffelstand vor dem Weinzelt. Es handelt sich um einzelne weiße Knoblauchzehen, die in einem großen Glas im Kühlschrank verwahrt werden. Auf dem Schraubdeckel steht Pfeffer, denn der war da mal drin.
Sobald es mir gelingt, einen Genussmenschen mit diesem außergewöhnlichen Schmankerl zu verwöhnen, werde ich berichten. Oder besuchen Sie mich doch einfach mal im Ofenkartoffelstand.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

23.09.2015 Mittwoch
Zunächst ist es mir ein besonderes Anliegen, mich bei all jenen Münchener Zeitungsredakteuren zu bedanken, die meiner kleinen Kolumne solch großartige Aufmerksamkeit schenken – vergelt's Gott. Wenn Sie also jetzt gerade diesen Artikel lesen, befinden Sie sich nachweislich in bester Gesellschaft auch von Vertretern namhafter Autorenblätter. Also erfreuen Sie sich bitte sehr über das ungeahnte Niveau ihrer aktuellen Lektüre. Ansonsten war es nicht sonderlich aufregend. Deshalb habe ich die Zeit genutzt, ein Video voran zu treiben, das ich meinem englischen Patenkind Henry für seine Schule in Oundle versprochen habe. Die beiden letzten Jahrgangsstufen dürfen nämlich einen Oktoberfestabend gestalten. Der von mir erbetene Beitrag besteht in besagtem Filmchen, das im übertragenen Sinne ein wenig im Stil dieser Kolumne daherkommen soll und gegen Ende der Wiesn auf www.weinzelt.com zu finden sein wird.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

24.09.2015 Donnerstag
Als ich gestern Nacht heim gehen wollte, lief ich in meinen Spezi Mike Hager, alias Josef Nullinger, der ebenfalls gerade gehen wollte. Selbstverständlich bot ich ihm an, ihn zuhause abzusetzen. Was ich nicht tat, war ihn vorab über meinen unterirdischen Orientierungssinn aufzuklären. Während wir uns an den zahlreichen Sperrungen entlang hangelten, unterhielten wir uns recht angeregt. So fuhren wir immer weiter, als wir nach einiger Zeit völlig unerwartet wieder auf eine Vollsperrung prallten. Ich ließ das Fenster herunter und fragte den Polizisten, wo wir denn jetzt gelandet seien. Er leuchtete mit der Taschenlampe auf meinen Parkschein in der Scheibe und fragte grinsend, wo wir denn herkämen. „Von der Wiesn" sagte ich „und jetzt wollen wir heim." „Herzlichen Glückwunsch", sagte er lachend „jetzt sind sie wieder da." Ich wollte wissen wo und er lachte noch mehr: „Na, auf der Wiesn halt."
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

25.09.2015 Freitag
Meine Freundin Katharina Inselkammer vom Zelt der Armbrustschützen berichtete gestern von einem durchaus erwähnenswerten Bezahlvorgang. Ein bei weitem nicht mehr als nüchtern zu bezeichnender Herr kam ins Büro, um seine Zeche mit EC-Karte zu begleichen. Nur konnte er sich beim besten Willen nicht mehr an seine PIN erinnern. Ein Telefonat könne jedoch abhelfen: „So Mausi", meinte er, als mache er das jeden Tag um diese vorgerückte Stunde, „jetzt gehst an den Kühlschrank und machst ihn auf. Gut, dann schaust ins dritte Fach da steht ein Joghurt – nein, der mit 3,5 % Fettanteil, nicht Dein Diätzeugs." Den Fettanteil vom Joghurt wusste er also noch, nur seine PIN, die kannte er nicht mehr. Aber es ging noch weiter: „Jetzt machst den Deckel von dem Joghurt auf und lies mir die Nummer vor, die da innen drauf steht." Eine außergewöhnliche, aber effektive Methode der Aufbewahrung von Geheimzahlen.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

26.09.2015 Samstag
Tom Schlederer hat multiple Funktionen bei uns in Kufflers Weinzelt. Originär ist er der Servicechef im Garten. Außerdem betreibt er mit seiner Frau zusammen den Wurststand vor unserem Zelt, in dem es das beste aus unserer hauseigenen Metzgerei gibt. Seit heuer haben die beiden auch noch die Sektbar übernommen. Und damit ihm nicht langweilig wird, bestreitet er als ausgebildeter Rettungssanitäter gemeinsam mit meinem Bruder Basti alle Rettungseinsätze im Zelt als versierter Ersthelfer. Leider wird ihm das nicht immer so vergolten, wie es sich gehört. Gestern übergab sich ein Patient so, dass er deutliche Spuren in Toms Gesicht hinterließ.
Als ich Lesebrille gegen Fernbrille tauschen wollte, sah ich diese zwar an einem ungewohnten Ort liegen, setzte sie aber auf. Nur konnte ich nicht so recht damit sehen und gestunken hat sie auch. Kein Wunder, es war Toms Brille, die er gerade gegraust abgezogen hatte.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

28.09.2015 Montag
Der Bann der Wiesn lässt auch meinen Vater, Roland Kuffler, trotz seiner 77 Jahre nicht los. So ist er fast jeden Abend im Zelt, wenn es seine Zeit zulässt. Und glauben Sie mir, er sieht alles. Zum Beispiel war er sich ganz sicher zu beobachten, dass Christoph, seit heuer Chef der Mai liabba Bar in unserem Garten, ein olfaktorisches Problem hat. Dieser hob nämlich immer wieder seinen Arm und senkte den Kopf scheinbar unauffällig in Richtung Achsel. Klarer Fall, der Mann hat scheinbar ein ernsthaftes Geruchsproblem. Da mein Vater Christoph vom ersten Wiesntag an ins Herz geschlossen hat, war er wild entschlossen, Abhilfe zu schaffen. Aus diesem Grund besorgte er ein Deodorant, das er ihm mit verständnisvoll väterlichem Blick überreichte. Christoph verstand die Welt nicht mehr. Er hob doch den Unterarm und senkte seine Stirn dagegen, um immer wieder Champagnerspritzer abzuwischen.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

29.09.2015 Dienstag
Eigentlich bin ich nicht der Typ, der sich an Lebensweisheiten entlanghangelt, aber ein Motto ist für mich bestimmend: Lieber krank auf der Wiesn als gesund im Büro. Nicht dass ich so gern krank bin, Masochismus liegt mir fern, aber ein Katarrh gehört nun einmal schon fast zur Wiesn wie die Petersilie zum Hendl. Deutlich unangenehmer als die Krankheit selbst sind mancherlei Heilmittelchen die einem armen Menschen wie mir angedient werden. Ich beschwere mich nicht über Zaubertränke, die stark nach Ingwer schmeckend so heiß serviert werden, dass man eine Stunde lang unter sintflutartigen Schweißausbrüchen leidet. Ich rede von dem ernstgemeinten Tipp zur Eigenurintherapie! Die funktioniert denkbar einfach: Trinke was Du ablässt und Dir wird ewige Gesundheit bis ins hohe Alter verheißen. Viel grausiger geht es wirklich nicht mehr. Dann doch lieber krank auf der Wiesn (als gesund im Büro).
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

30.09.2015 Mittwoch
Es hört sich unglaubwürdig an, wenn ein Wiesnwirt so etwas schreibt, ist aber so: Man kann mit Herrn Mair vom Finanzamt(!) immer gut lachen, wenn er im Zelt vorbei schaut. Heute erzählte er mir, wie sich seine Freunde mit einer Dame aus Rheinland-Pfalz auf der Oiden Wiesn treffen wollten. Besagte Dame fragte gleich am Haupteingang, wo die Oide Wiesn sei. Diese liege hinter dem Riesenrad, wurde ihr beschieden. Der Eintritt sei allerdings kostenpflichtig. Also ging sie stracks darauf zu und fand die Idee fabelhaft, dass der Eingang zur Oiden Wiesn durch das Riesenrad führe. Brav zahlte sie den „Eintritt" und stieg in eine Gondel. Als sie sich nach der Landung keineswegs auf der Oiden Wiesn befand, war sie dann doch reichlich verdutzt. Vielleicht sollten Willenborgs ein Schild an ihrem Fahrgeschäft anbringen: „Wir bieten Rundfahrten und Sie kommen genau da an, wo Sie losgefahren sind."
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

01.10.2015 Donnerstag
Es tut mir von Herzen leid, allabendlich feierwillige Wiesnbesucher aussperren zu müssen. Bevor das Zelt jedoch zu voll wird, ist es ein Gebot der Sicherheit, den Zufluss an Gästen zu regulieren. An dieser Stelle darf ich Ihnen versichern, dass es den beiden Türstehern Schorsch und Artur deutlich mehr Spaß macht, Leute hereinzubitten statt sie abzuweisen. Dies trifft speziell auf die vielen Stammgäste unserer Bars zu. Auf der anderen Seite kennt die Findigkeit der Menschen keine Grenzen, wenn es darum geht, Einlass zu erwirken. Gestern kam Schorsch zu mir ins Büro und fragte ganz hektisch, ob ich einen Magnus Kuffler kenne. Dieser stehe draußen und wolle mit Verweis auf seinen Nachnamen herein. Wir haben keinen Verwandten mit diesem Vornamen, wollte ihn mir aber mal ansehen. Als Schorsch sich den Ausweis zeigen ließ, ward das Rätsel auch gleich gelöst: Im Ausweis stand der Name Magnus Guffler.
Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

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