Wiesn-Tagebuch 2026

Täglich exklusiv im Münchner Merkur und in der tz: Das Wiesn-Tagebuch von Stephan Kuffler.

Freitag, 02.10.2026

Noch zwei Tage und der Rest von heute. Damit nähert sich das 191. Oktoberfest seinem Ende zu und bislang war es eine der schönsten Wiesn überhaupt. Auch wir, als kleines Weinzelt unter den großen Festhallen, fühlen uns immer mehr als echtes Oktoberfestzelt. Selbst die Mittagswiesn ist seit ein paar Jahren bei uns angekommen und ich dachte, wir seien aus der Deckung als Geheimtipp hervorgekommen. Trotzdem fand unsere Zeltchefin Sophie ausgerechnet zwei Behördenvertreter in unserem Garten in eine Diskussion vertieft. Sie hörte beiläufig, wie die beiden nicht verstehen konnten, warum auf dem Käferzelt auf einmal Weinzelt stand und was das mit diesem Kuffler solle.

Offenbar waren die beiden von diesem Sachverhalt in höchstem Maße irritiert. Sophie war sich auch nicht sicher, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Man komme kaum aus dem Behördenhof raus, sagten die zwei, und nun wolle man sich einmal umsehen. Sophie erklärte ihnen dann geduldig den Unterschied zwischen „Kufflers Weinzelt“ und der „Käfer Wiesn-Schänke“. Ich selbst bin mir nicht sicher, ob Sophie nicht gehörig auf den Arm genommen wurde. Falls nicht, hoffe ich inständig, dass die nicht von der Feuerwehr waren, weil es schon schön wäre, wenn der Heilige Florian seine Leute zum richtigen Zelt schickt, wenn’s brennt.
Bleibt mir noch, mich bei allen zu bedanken, die das Oktoberfest zu dem besonderen Erlebnis machen, das es ist: allen voran bei den vielen Besuchern und natürlich auch bei den Lesern meiner kleinen Kolumne.

Schau ma mal, was nächstes Jahr wieder los ist.

Donnerstag, 01.10.2026

Der Tag heute hat schon einmal saudumm angefangen. Während meine Frau Steffi, unsere Freundin Fleur und ich uns auf der Fahrt zur Wiesn angeregt darüber unterhielten, warum Österreicher so gute Verkäufer sind, schüttete ich mir einen halben Becher Cappuccino über mein Hemd. Im Büro bin ich der Sache mit viel Wasser zu Leibe gerückt und jetzt sitze ich vor dem Computer und warte auf das Ergebnis, wenn alles getrocknet ist. Mein obligatorisches Ersatzhemd habe ich heuer leider vergessen.

Aber noch einmal zurück zu unserem Gespräch bezüglich der Freunde aus der Alpenrepublik und deren Verkaufsfähigkeiten. Fleur ist selbst Österreicherin und wusste zu berichten, dass Österreicher in Österreich auch Österreichern alles Mögliche aufschwätzen. Wir kamen zu dem Schluss, dass es an dem Charme liegen müsse, dem selbst die eigenen Landsleute erliegen. Fleur wusste nämlich zu berichten, wie ihr Mann Moritz einmal sehr lange auf einen Teller Pasta wartete und als dieser endlich kam, waren die Spaghetti eiskalt. Als ihr Mann sich beschwerte, strahlte der Kellner ihn voll Enthusiasmus an und meinte: „Kalt, aber sooo guad.“ Moritz aß daraufhin den ganzen Teller auf. Diese Geschichte sollte auch die Frage beantworten, warum auf dem Münchner Oktoberfest so viele Menschen aus „Felix Austria“ im Service arbeiten.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

Mittwoch, 30.09.2026

Ein Wiesnzelt ist wie eine Kleinstadt und das spiegelt sich auch in den Berufen wider. Unter dem Jahr arbeiten die Menschen in deren Branche, aber auf der Wiesn ist alles bissl anders, allein durch die vielen Studenten. 1992 fing ein junger Mann aus Hamburg namens Boris bei uns als Kellner im Garten an, in dem Jahr, als ich dort Restaurantleiter war. Mit dem Gehalt finanzierte er sein Medizinstudium, was sich in der Folge als besonders nützlich erweisen sollte. Um das Jahr 2000 tanzte Barbara bei uns auf der Bank und rutschte dabei aus. Dabei fiel sie mit beiden Oberschenkeln in zwei Weißbiergläser und verletzte sich schwerwiegend an den Hauptadern. Jetzt kam der Einsatz von Boris Buck, mittlerweile auch als Notarzt tätig, und rettete ihr das Leben.

Glücklicherweise sind in unserem Zelt auch immer ein paar Mitarbeitende mit Erfahrung als Rettungssanitäter, die ihm zur Hand gingen, denn allein hätte er es niemals geschafft. Gestern kam Christiane Soyke, eine durchaus bekannte Redakteurin, auf mich zu und empfahl mir genau diese Geschichte für meine Kolumne – herzlichen Dank an dieser Stelle. Denn Christiane war mit Barbara Klein bei uns, die seit damals ihren zweiten Geburtstag, mittlerweile den Sechsundzwanzigsten, im Weinzelt feiert. Sie erkundigte sich nach Boris, dessen Namen sie noch sehr präsent hatte. Barbara ist mittlerweile erfolgreiche Unternehmerin und Boris hat sich als Hausarzt in München niedergelassen. Über Christiane habe ich die beiden vernetzt und ein Bild von Barbara und mir gibt es unter der Rubrik Fotos zu sehen.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

Dienstag, 29.09.2026

Manche Gäste benehmen sich unter dem Einfluss von Alkohol recht drollig, andere tendieren zu Selbstüberschätzung. Beides trifft auf einen Akrobaten zu, der im Garten an unsere Frey&Wild Bar kam. Ehe es sich die Barmannschaft versah, vollübte er einen Kopfstand auf dem Bartresen. Leider war er nicht so akrobatisch wie er dachte und krachte ungebremst hinter die Bar. In einem normalen Betrieb wäre jetzt der Teufel losgewesen, aber nach einer Woche Wiesn werden andere Maßstäbe angelegt. Da dem Mann nichts weiter passiert war, schüttelten sich alle, räumten auf und kehrten zum üblichen Geschäft zurück. Dies soll keinesfalls ein Aufruf sein, weitere Kunststückl auf der Wiesn aufzuführen, insbesondere wenn man sie nicht beherrscht.

Im Weinzelt wurden auch schon deutlich mehr als eine Ehe gestiftet, und jetzt hofft eine junge Dame nach eigener Aussage auf ein Wiesnwunder, wie sie in einem Mail schrieb. Sie habe sich unglaublich nett mit einem unserer Kellner unterhalten und jener fragte sie nach ihrer Telefonnummer. Ihr Kummer ist nun, dass er sich bislang noch nicht bei ihr gemeldet habe. Alle hier fanden das Mail so süß, dass wir umgehend eine Großfahndung ausschrieben und tata: wir wurden fündig. Die weitere gute Nachricht ist, dass er bislang einfach noch nicht zum Telefonieren kam. Er musste vergangenes Wochenende scheinbar bissl was arbeiten.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

Montag, 28.09.2026

Zuverlässige Lieferantin lustiger Geschichten rund um das Oktoberfest ist meine Freundin Katharina Inselkammer vom Armbrustschützenzelt. Nach dem traditionellen ökumenischen Wiesn-Gottesdienst im Marstallzelt trat Katharina mit einer Bitte an Weihbischof Matthias König heran. Sie fragte ihn, ob er ihren Herrgottswinkel bei sich im Zelt weihen könne. Netterweise erklärte sich der Bischof dazu bereit und vollzog sein Handwerk würdig und in vollem Ornat. Als er das Büro mit dem nun geweihten Herrgottswinkel verlies, wendete sich ein Gast an Katharina. Er wollte ganz pfiffig wissen, ob der Herr mit der Pastorale, dem goldenen Hirtenstab der Bischöfe, die Werbeikone von Augustiner-Bräu sei.

Schön finde ich auch die Begebenheit, als zwei Personenschützer von Staatsminister Eisenreich ins Büro kamen. Sie fragten eine Mitarbeiterin, wo Herr Eisenreich sitzen werde. Dass der bayerische Justizminister zum Armbrustschießen eingeladen war, konnte die Mitarbeiterin nicht wissen. Sie dachte, die Herren seien von einer Behörde, welche die Arbeitsplätze kontrolliere. Also funkte sie den Zeltmitarbeiter Eisenreich an, um seinen Platz zu präsentieren. Sein Auftauchen im Büro stiftete einige Verwirrung und keiner wusste so recht, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Diesem Herrn Eisenreich war es einerlei und er wollte die Polizisten gerade an seinen Arbeitsplatz führen, als Katharina auftauchte und die Sache mit der Namensdoppelung aufklären konnte.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

Samstag, 26.09.2026

Eine der Besonderheiten an der Arbeit auf dem Oktoberfest ist, dass man mit deutlich mehr Humor und Gaudi an die Sache herangeht als unter dem Jahr. Kollegen, Nachbarn und selbst die Gäste sind nicht davor gefeit, ordentlich auf den Arm genommen zu werden. Dies vorausgeschickt, kann man sich meine ersten Gedanken vorstellen, als unsere PR-Chefin Christine meinte, Münchner Weinbauern hätten gerne ein Interview mit mir für dieses Social Media. Denn in Obermenzing gäbe es einen Weingarten, der vom örtlichen Weinbauverein betrieben werde. Ganz klar, dachte ich mir, und in Schwabing bauen sie Popcorn an, ohne den Umweg über die Maispflanzen zu nehmen.

Gegen alle Streiche gewappnet ging ich also in die Hausbox und da saßen sie: die Menzinga Weinhoheiten in Form von Königin Hanna und ihre Weinprinzessin Bettina. Seit der kleinen Eiszeit wurde in München kein Wein mehr angebaut, aber jetzt haben sich ambitionierte Münchner der Geschichte mit voller Tatkraft angenommen. Natürlich geht da nichts ohne die Franken, denn wo soll die Weinkompetenz denn herkommen. Das Interview würde ich als durchaus erquicklich bezeichnen und eigentlich war es einfach nur ein gemütlicher Ratsch. Ich bewundere diesen Idealismus und kann nur jedem empfehlen, sich im Internet die Homepage vom Weinbauverein Menzing e.V. (») anzusehen. Bin schon sehr gespannt, wann wir auf der Wiesn den ersten Münchener Wein ausschenken dürfen.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

Freitag 25.09.2026

Kriminellen Subjekten gehen die Faxen nie aus. Anstatt Geldscheine oder Biermarken zu fälschen, liegt der neue Trend im Kopieren von Einlassbändern, beispielsweise für unser bescheidenes Wigwam. Andere haben echte Bänder und einer rief im Internet sage und schreibe € 150 pro Band auf. Manche bieten wahnwitzig überteuerte Tische an, die es übrigens häufig gar nicht gibt. Unsere Controller, allen voran der Tobi, widmen einen Teil ihrer Energie, diesen Lumpen das Handwerk zu legen, und kaufen munter alles an, was sie auf dem Markt finden. So ging ihnen auch der Freibeuter, welcher € 150 pro Einlassband aufrief, ins Netz. Im Wesen eines Verbrechers liegt, dass er unbedingt glauben muss, schlauer zu sein als alle anderen. Im Netz können sie sich noch anonym bewegen, aber spätestens bei der Übergabe müssen sie die Maske fallen lassen.

Im vorliegenden Fall plante der Delinquent die Überbringung pfiffig auf „neutralem“ Boden, nämlich der Oidn Wiesn. In einem amerikanischen Krimi wäre er in ein anderes County gegangen. Wir sind aber weder in einem Krimi, noch in Amerika, weshalb der Zaun zur Oidn Wiesn keine unüberschreitbare Demarkationslinie darstellt. Das Beste war, dass dieser Feigling nicht einmal selbst auftauchte, sondern seine Freundin vorschickte. Er tauchte erst auf, nachdem seine Freundin ihn angerufen hatte, weil ihr das Ganze auch zu blöd wurde, nachdem sie uns ins Netz gegangen war. Wir sind zuversichtlich, dass diesen beiden die Faxen für die Zukunft nun doch ausgegangen sind.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

Donnerstag, 24.09.2026

Falls Sie es noch nicht wissen: Seit heute bin ich der Oberbürgermeister unserer wunderbaren Landeshauptstadt. Befördert haben mich die Bewohner des Caritas Wohnheims St. Rupertus in Altötting, namentlich die Silvia. „Dem lieben Chef vom Oktoberfest, Dominik Krause“ hat sie ein schönes Bild gemalt und mir persönlich überreicht. In mehrerlei Hinsicht hat mich das sehr geehrt. Zum einen ist Herr Krause deutlich jünger als ich und sieht vermutlich auch besser aus. Zum anderen wäre die Ehre enorm, wenn es denn wahr wäre.

Seit 2019 werden die Bewohner von St. Rupertus von uns eingeladen. Damals entdeckte ich einige Menschen, teils in Rollstühlen, in unserem Garten. Sie wollten kurz rasten und ihre eigene Brotzeit nebst den mitgebrachten Getränken verzehren. So etwas geht natürlich gar nicht! Wir brauchen unsere Plätz für „echte“ Gäste, die unsere Speisen und Getränke konsumieren. Offenbar war nicht genug Geld hierfür vorhanden und rausschmeißen wollte ich sie auch nicht. Also machte ich sie kurzum zu echten Gästen, indem ich sie einfach einlud. Zur Tradition wollten wir das machen, aber leider hat uns die Covidpandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Inzwischen sind sie mit dem heutigen Tag zum siebten Mal da und jeder Bayer weiß: Alles, was öfter als dreimal passiert, ist eine Tradition. Deshalb bleibt Dominik Krause auch Oberbürgermeister und ich nur ein kleiner Wirt von einem kleinen Weinzelt.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

Mittwoch, 23.09.2026

Es sind die vielen kleinen Erlebnisse, welche das Oktoberfest ausmachen. So kam Oli, unser Chauffeur, gestern beispielsweise von einer Fahrt zurück, als wir wegen Überfüllung um 22.00 Uhr das Zelt geschlossen haben. Der Wachmann am Reservierungseingang nahm seinen Job sehr ernst und erklärte ihm, er käme ausschließlich mit Reservierung ins Zelt. Olis Mitarbeiterausweis imponierte ihm überhaupt nicht. Wenn er Mitarbeiter wäre, habe er um diese Uhrzeit wohl kaum etwas draußen verloren. Ich selbst fände es sehr beunruhigend, wenn alle Mitarbeiter auch Reservierungen hätten! Wer würde die Gäste bedienen? Gut, das wäre dann auch nicht mehr nötig, weil die Köche ihren Tisch unterhalb der Musik hätten, direkt neben den Schankkellnern.

Manche Fundsachen sind ab und an durchaus dazu geeignet, die Fantasie anzuregen. An unserer „Frey&Wild“ Bar im Garten wurde gestern eine Lederhosn gefunden – ohne Inhalt! Daneben lagen ein Paar Ballerinas. Ob und wie diese beiden Kleidungsstücke zusammenhingen, ließ sich nicht mehr eruieren. In jedem Fall sind die Damenschuhe der weniger beunruhigende Teil dieser Geschichte. Aus purer Neugier fände ich es jedoch sehr interessant zu erfahren, wann dem oder der Besitzer:in der Verlust der Beinkleidung schließlich aufgefallen ist.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

Dienstag, 22.09.2026

„Ein bissl ein Mensch muss man schon sein“, sagt der Willi Vogel, Mandelbrater in der Matthias-Pschorr-Straße. Sein alter Spezl Rudi, der auch lange einen Mandelstand auf der Wiesn betrieb, hatte vor einigen Jahren einen Schlaganfall. Seitdem geht es ihm nur noch mittelmäßig gut und er lebt in einem Heim. Abgeschoben, wie der Willi findet, weshalb er sich um seinen alten Weggefährten kümmert und ihn auch regelmäßig ins Weinzelt mitnimmt. In nachbarschaftlicher Manier und aus alter Verbundenheit, bekommen die beiden ihr Weißbier und wir bekommen dafür gebrannte Nüsse. So muss Wiesn sein! Seinen siebzigsten Geburtstag hat Willi übrigens bei uns gefeiert und in meinem jugendlichen Leichtsinn meinte ich seinerzeit, dass der Neunzigste dann auf mich geht. In vier Jahren ist es so weit, woran mich der Willi regelmäßig und immer häufiger erinnert. Mit dem Sparen habe ich schon einmal angefangen, weil dieses Weinzelt angeblich nicht ganz billig sein soll. Aber auch so muss Wiesn sein. 

Apropos, jetzt mache ich mich auf zum Hanseaten- Imbiss, wo es den besten Fisch auf der Wiesn gibt. Zu meinem Leidwesen stehen die Hamburger Teerjacken heuer am anderen Ende des Geländes, in der Straße 2 zwischen Ochsenbraterei und Augustiner. Aber ich gehe meilenweit für einen guten Matjes.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

Montag, 21.09.2026

Wenn sich kleine Mädchen unter Tischen verstecken und leise „böse Barbie, böse, böse Barbie“ vor sich hinmurmeln, ist das ein guter Hinweis. Ich persönlich würde jedenfalls anfangen, intensiv über mein Erscheinungsbild nachzudenken. Hierbei ist eine tolle Erfindung namens Spiegel oft sehr hilfreich. Offenbar ist es notwendig, so ins Detail zu gehen. Außerdem finde ich es gemein, Touristen beim Kauf von Lederhosen nicht zu erklären, dass der Steg auf die Brust und das Kreuz der Hosenträger auf den Rücken gehört, nicht umgekehrt. Sonst sieht man nämlich aus wie ein Volldepp!

Grundsätzlich finde ich es sehr sympathisch, wie sich die Gäste aus aller Herren Länder bemühen, sich optisch an uns Ureinwohner anzupassen, aber man muss sie dabei unterstützen und ihnen helfen. Auffallen werden sie immer noch mehr als genug.
Die ersten beiden Tage haben wir gut über die Bühne gebracht, wobei insbesondere der erste Samstag stets einen Kaltstart mit all seinen typischen kleinen Herausforderungen darstellt. Anders als im Jahr 1986, als in der Nacht vor dem Anstich das Kühlhaus der Hauptschänke wie ein Scheiterhaufen zusammengebrochen war, gab es heuer zum Glück keine größeren Aufreger bei uns.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

Samstag 19.09.2026

Heute möchte ich in meiner kleinen Glosse mit einer retrospektiven Analyse beginnen. Es geht um Tradition, und zwar insbesondere im Hinblick auf die Musik, ohne welche die Wiesn gar nicht zu denken wäre. Zu diesem Thema habe ich eine Theorie entwickelt, die weder wissenschaftlich fundiert noch akademisch aufbereitet ist und ausschließlich auf meinen Beobachtungen der vergangenen fünf Jahrzehnte beruht.

An meine letzte Wiesn „in Freiheit“ erinnere ich mich dahingehend, als man mit zarten 16 Jahren nur in ein Bierzelt ging, um eine Maß Bier zu trinken, wenn das Geld reichte ein Hendl zu essen, um anschließend fluchtartig mit Petersilie in den Ohren (gegen das Uff-Tata teils angesoffener Kapellen) zum Autoscooter lief, wo die coole Musik gespielt wurde. Jene Lieder, die damals in den Festhallen gespielt wurden, waren auch irgendwann einmal cool gewesen, obwohl ich bezweifle, dass dieser Ausdruck im zeitgenössischen Gebrauch Anwendung fand. Als das Bier noch dunkel war, freuten sich die jungen Burschen nämlich sehr, wenn ein Zwiefacher gespielt wurde. Sie forderten die feschen Madln auf, ihnen im Rahmen choreographisch exakt festgelegter Bewegungen so nahe wie möglich zu kommen. 
Mangels Kenntnis von Polka, Walzer, Zwiefachem und so weiter, nahm die Wiesn spätestens in den achtziger Jahren die Abfahrt auf einen absteigenden Ast.

Dr. Gabriele Weißhäupl reiste in die Emilia-Romagna, um die Werbetrommel zu rühren. Mein Freund Edi Reinbold erzählte mir, dass am ersten Wiesnsonntag stets so wenig los war, dass er einmal mit Hermann Haberl aus Langeweile zum Angeln gefahren sei. Kein Mensch trug Tracht, schon deshalb, weil eine Jeansjacke bei einer Rauferei viel besser hält als ein Schilfleinen-Janker.

1984 beantworteten zwei Herren namens Kaub und Kuffler eine Frage, welche nie gestellt worden war, und eröffneten auf dem größten Bierfest der Welt ausgerechnet ein Weinzelt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit betrieben, füllte sich dieses kleine Zelt manchmal, wenn die riesigen Festhallen ab halbelf Feierabend machten. Die Überbleibsel schwankten dann unter teilweisem Verlust der Muttersprache in Richtung jener kleinen Bastion widerborstiger Eigenbrötler.

Aber der liebe Gott liebt Bayern, ganz besonders die Landeshauptstadt mit ihrem guten Bier und ihren grantelnden, frotzelnden und stets zu Gaudi aufgelegten Ureinwohnern, und wirkte ein Wunder:
Ein echter Gentleman betrat das Nymphenburgsekt-Festzelt „Zum Wein-Wirt“ und sprach gelassen die folgenden Worte: „Meine Herren, ich bin der Helmut Högl und Kapellmeister der gleichnamigen Band. Ihr habt’s ein wunderschönes Zelt, hervorragendes Essen wie im besten Restaurant, aber ihr habt kein Bier und alles, was euch auf Dauer retten kann, ist gute Musik.“

Helmut war ein Virtuose auf der Trompete, berühmt in Brasilien und in München eine Größe, ganz wie beispielsweise Max Greger seinerzeit. Onkel Erich und mein Vater engagierten ihn für ein Schweinegeld vom Fleck weg, ohne die blasseste Ahnung zu haben, welchen Dienst sie damit dem Münchner Oktoberfest leisten würden. Helmut Högl hingegen wusste ganz genau, was er tat. Alles, was am Freitagabend in den „Schlagern der Woche“ lief und nach Helmuts Meinung zur Wiesn passte, fand Einzug in seine Setlisten. Kleiner Side Fact: „Oana geht no“ stammt übrigens aus Helmuts Feder, nur leider hört man das kaum noch.

Und so begab es sich zu jener Zeit, dass ein großer Mann aus einem kleinen Zelt heraus (mit lauter Verrückten, die auch heute immer noch nicht alles so machen können, wie alle anderen) das größte Volksfest der Welt in eine Bahn lenkte, wo es heute wieder als Zentralstern in die Welt leuchtet. Denn peu à peu verbreitete sich auf der Wiesn wieder Musik, die dabei half, sich näher zu kommen, ein bissl zu Posieren, mit Bewegungen zu beeindrucken und sich auszudrücken. Soll heißen, sie machte wieder ihren Job, ganz so wie es sich gehört. Damit das richtig funktioniert, musste man sich natürlich aufmascheln. Jeansjacken trugen die Madln über dem Dirndl und allenfalls auf dem Hin- und Rückweg.

Wutschreiben wegen der Schuld an zusehendem Mangel traditioneller Blasmusik, bitte ich den geneigten Leser über diesen Verlag an mich zu adressieren.

Dankeshymnen dafür, dass Frau Dr. Weishäupl am Ende nicht bis an die Costa Brava weiterreisen musste, um für ausreichend Gäste zur Rettung des Münchner Oktoberfestes zu sorgen, möge man dem einmaligen Helmut Högl im alten Teil des Waldfriedhofs auf sein Grab legen.

Schau ma mal, was morgen wieder los ist.

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